Gesundheit : Selbstverliebte sind die schlechteren Lover

Rolf Degen

Es ist in unserer Kultur ein lieb gewordenes Klischee, dass die Liebe zu sich selbst eine notwendige Vorbedingung für die Liebe zu anderen Menschen sei. Wer ja zu sich selbst sagt, heißt auch die anderen warmherzig in ihrem Sosein gut. Doch trotz ihrer vordergründigen Plausibilität steht diese Denkformel aus Hippiebewegung und Psychoszene im Widerspruch zu empirischen Forschungsergebnissen.

Selbstliebe wird in der psychologischen Forschung meist mit den Tests zum Selbstwertgefühl eingefangen. Diese bestehen aus einfachen Skalen, die Angaben wie "Ich bin ein wertvoller Mensch" oder "Ich bin ein Versager" enthalten. Ein hohes Selbstwertgefühl zu haben, heißt grob gesprochen, sich selbst gerne zu haben.

Es ist daher fast selbstverständlich, dass wir bestrebt sind, möglichst viel von diesem heilbringenden Elixier zu besitzen. In der Selbsthilfeliteratur gilt es als ausgemacht, dass ein hohes Selbstwertgefühl die Basis für die Entfaltung der Liebesfähigkeit ist.

Doch diese Vorstellung steht im luftleeren Raum. Mehr als das: Die ersten empirischen Forschungsarbeiten vor über zwei Jahrzehnten entwarfen ein völlig anderes Bild, wie die beiden amerikanischen Psychologieprofessoren Keith Campbell und Roy Baumeister sagen. Ausgerechnet die Personen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl hatten die intensivsten Liebesgefühle; sie hatten auch besonders viele Zurückweisungen erlebt.

Die Anwandlungen von überdrehter, geradezu manischer Verliebtheit kamen ebenfalls in der Gruppe mit dem niedrigen Selbstwertgefühl am häufigsten vor. Allmählich häuften sich die Studien, die Liebesfähigkeit mit einem niedrigem, nicht einem hohen Selbstwertgefühl in Verbindung brachten.

Bei der berühmt gewordenen Kategorie der Frauen, die "zuviel lieben", kam in einer Untersuchung ein ausgesprochen narzisstisches Defizit ans Tageslicht. Selbstzweifel machen aber nicht nur anfällig für krankhaftes Lieben: Die Daten deuten darauf hin, dass ein niedriges Selbstwertgefühl auch reiferen und aufgeschlosseneren Formen der Zuwendung Vorschub leistet.

Personen mit angekratzter Selbstliebe legten zum Beispiel mehr Verständnis und Akzeptanz für andere an den Tag. "Alles in allem gibt es keine Hinweise darauf, dass ein hohes Selbstwertgefühl die Liebe zu anderen Menschen fördert", schließen Campbell und Baumeister.

Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl weisen - so das Klischee - bestimmte Tendenzen auf, die potenziell Sprengstoff für die Qualität der Beziehung sind. Mit ihrer Neigung, ständig die Bestätigung ihrer Gefühle zu suchen, so die Vorstellung, könnten sie sich leicht den Partner vergraulen.

Gewalt und Grausamkeit

Doch auch in diesem Fall sehen die Realitäten anders aus. Just bei den Personen, die eine narzisstisch überhöhte Zuneigung zu sich selbst empfanden, traten am häufigsten negative und feindselige Interaktionen mit dem Partner auf. Ein aufgeblähtes Selbstwertgefühl, das durch andere bedroht wird, macht sich besonders schnell in Gewalt und Grausamkeit Luft. "Menschen, die eine wohlwollende Haltung gegenüber sich selbst empfinden, reagieren auf Beziehungskonflikte am ehesten mit destruktiven Handlungen, die den Bestand der Beziehung gefährden."

Eine narzisstisch überhöhte Selbstliebe geht nach allen Erkenntnissen aus der klinischen Praxis mit einer reduzierten Fähigkeit zur Intimität einher. Narzissten benötigen wenig Nähe und sind dafür verstärkt auf Kontrolle und Macht erpicht. Sie sind weniger umgänglich, einfühlsam und kommunikativ und können sich schlechter in die Perspektive der anderen versetzen.

Wenn Selbstliebe schon kein Garant für die Liebe zu anderen ist, besteht immer noch die Möglichkeit, dass Menschen mit hohem Selbstwertgefühl besonders viel Gegenliebe ernten. Auf den ersten Blick zeichnen sich unsere politischen Führer und die Helden der populären Kultur durch eine ungebrochene Liebe zu sich selber aus. Es ist dagegen schwer vorstellbar, Bewunderung für einen jammervollen Depressiven zu empfinden.

Selbstzweifel können sexy sein

Aber bei genauerer Betrachtung wird ersichtlich, dass auch der Nimbus der Stars und Führer durch eine Portion Bescheidenheit und Selbstzweifel gewinnt. Der beliebte US-Präsident Bill Clinton genoss die höchste Popularität, als er den reumütigen und zerknirschten Sünder spielte. Auch im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen schießen Selbstverliebte nicht gerade den Vogel ab. Individuen, die ein hohes Maß an Zuneigung für die eigene Person zum Ausdruck brachten, wurden in Laborstudien als "nicht sympathisch" eingeschätzt.

Männer und Frauen, die angeben sollten, welche Eigenschaften sie sich bei einem optimalen Partner wünschten, legten besonders auf Umgänglichkeit und Freundlichkeit Wert. Das sind Merkmale, die bei Personen mit hohem Selbstwertgefühl eher durch Abwesenheit glänzen.

Am oberen Ende der Selbstwertskala kam nämlich ein ausgesprochen auffallendes Auftreten ans Tageslicht: "Diese Personen neigten sehr viel stärker dazu, den anderen ins Wort zu fallen. Sie schossen während der Unterhaltung viel häufiger mit ärgerlichen und feindseligen Bemerkungen quer. Sie sprachen viel eher über Leute als mit Leuten. Alles in allem raubten sie den übrigen Beteiligten den letzten Nerv."

Kein Wunder, dass den Betreffenden bei einer psychodiagnostischen Begutachtung ein überdurchschnittliches Maß an zwischenmenschlichen Anpassungsproblemen zugeschrieben wurde. "Ein hohes Selbstwertgefühl zu haben, läuft offenbar drauf hinaus, zu glauben, dass man besser ist als andere", ziehen die Autoren Bilanz. Bei den Selbstunsicheren war nichts von dieser herablassenden Strategie zu merken.

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