Gesundheit : Semesterticket scheibchenweise

Auch an der Humboldt-Uni sollen die Studenten abstimmen/Ärger über Bürokratie an der Freien Universität

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Von Anja Kühne

Der Zug an den Berliner Universitäten rollt weiter in Richtung Billigtarif – aber nicht ganz reibungslos. Seit April fahren die rund 26 000 Studenten der Technischen Universität mit dem Semesterticket für 109 Euro durch die Stadt, und die 42 000 Studenten der Freien Universität werden ihre Studentenausweise vom 1. Oktober an als Fahrkarte benutzen. Im kommenden Semester sollen nun auch die rund 35 000 Studenten der Humboldt-Universität darüber abstimmen, wie sie zum Semesterticket stehen. Das kündigte ein Sprecher der Studentenvertretung, des „Refrats“, an. Ein Termin für die Abstimmung stehe noch nicht fest. „Die Mehrheit im Studentenparlament und im Refrat ist allerdings gegen ein Ticket zu den jetzigen Bedingungen“, sagte der Sprecher.

Verständnis für Schwarzfahrer

Auch an den meisten anderen Berliner Hochschulen stehen die Studentenvertretungen dem Ticket zu seinem jetzigen Preis kritisch gegenüber. An der Musikhochschule Hanns Eisler verlangt der Sprecher des Asta, Mathias Krüger, Mitgefühl mit Kommilitonen, die angesichts der „aggressiven, sozial schädlichen Preispolitik der Verkehrsunternehmen“ schwarz fahren: „So können sie die Fahrzeit nicht sinnvoll nutzen oder sich entspannen, sondern sind immer einer gewissen unterschwelligen Spannung ausgesetzt.“ Krüger selbst bekennt sich offen dazu, kein Fahrgeld zu bezahlen. An der Hochschule „Hanns Eisler“ hatten sich an der Urabstimmung im Juli zu wenig Studenten beteiligt, um das Ticket dort durchzusetzen. Allerdings waren sie um ein Votum über ein Ticket zum Preis von 115 Euro zuzüglich fünf Euro für einen Sozialfonds gebeten worden. Das ist mehr als das Ticket zurzeit kostet, weil der Asta der Musikhochschule mit einer Preiserhöhung rechnet. Wann das Semesterticket teurer wird und wie viel es kosten wird, steht jedoch noch nicht fest. „Alle Verträge sind bis zum Ablauf des Sommersemesters 2003 datiert“, sagt BVG-Sprecher Wolfgang Göbel. Dann kann ein Gutachten über das „Nutzungsverhalten“ der Studenten erstellt werden, auf dessen Basis die Verkehrsbetriebe den Preis neu berechnen könnten. Der frühestmögliche Zeitpunkt dafür wäre das Sommersemester 2004, sagt Göbel. Für Studenten an Hochschulen, die dem Ticket erst im kommenden Semester zustimmen, könnte dann schon der neue Preis gelten, sagt Wilfried Kramer, Marketing-Leiter der S-Bahn voraus: „Es ist legitim, irgendwann über den Preis nachzudenken.“

Michael Cramer, Verkehrsexperte der Berliner Grünen, fordert unterdessen, dass die Bedingungen des Semestertickets auch auf die Schüler ausgedehnt werden, die im Moment mehr Fahrgeld ausgeben müssen. Nur 78 000 der etwa 500 000 Schüler der Stadt haben eine Monatskarte für 23 Euro. Die Verkehrsbetriebe dürften die Chance nicht verschenken, neue Kunden zu gewinnen. Die Freie Universität registriert zur Zeit „zahlreiche Anfragen“ von Studenten der Humboldt-Universität, die sich im Nebenfach an der FU einschreiben wollen, um mit dem Semesterticket Geld zu sparen, wie Wolfgang Röcke von der FU-Verwaltung sagt.

Unerfreulich ist die Einführung des Tickets für die behinderten Studenten an der FU verlaufen. Sie beklagen den bürokratischen Aufwand, der ihnen zugemutet wird, um sich von dem Ticket befreien zu lassen. Bei der Rückmeldung mussten auch diejenigen die Gebühren für das Ticket zahlen, die es nicht benutzen: Behinderte und chronisch Kranke. Das Geld soll ihnen zurückerstattet werden. Doch als Beweis für ihre Behinderung müssen sie das „Beiblatt“ vom Versorgungsamt beilegen, dass sie zur ermäßigten Fahrt mit der BVG berechtigt. Besonders stark behinderte Studenten können diesen Nachweis aber nicht erbringen. Wegen ihrer Behinderung kommt die BVG für sie nicht in Frage, also kaufen sie auch das Beiblatt, das 60 Euro im Jahr kostet, nicht.

Dies war dem Semesterticket-Büro an der FU, das vom Studentenwerk betrieben wird, kaum zu vermitteln. Der Germanistik-Student Jan Riebold, der seit seiner Geburt gelähmt ist und sich nur unter Schmerzen fortbewegen kann, musste dort mehrmals persönlich vorstellig werden. Aber niemand fühlt sich zuständig. „Ich bin erschrocken über so viel Ignoranz“, sagt er.

Jedes Semester eine Prozedur

Riebold muss demnächst wieder persönlich zum Semesterticketbüro, um sich das Hologramm von seinem Studentenausweis abkratzen zu lassen, das zum Fahren mit dem Ticket berechtigt. Das Geld, das vor über zwei Monaten von seinem Konto abgebucht wurde, ist immer noch nicht zurück überwiesen worden. Riebold kann gut verstehen, dass es einige Kinderkrankheiten bei der Einführung des Tickets gibt. Doch will er sich der Prozedur nicht jedes Semester erneut unterziehen müssen. Eben das kommt aber auf ihn zu. Zwar sind sowohl die Verwaltung der FU als auch das Studentenwerk und die Verkehrsbetriebe für kulante Lösungen, wie Sprecher versicherten. Doch sehen sie die Kompetenz dazu jeweils nicht bei sich.

Dagmar Höfer vom Hamburger Studentenwerk wundert sich über die ganze Aufregung. Studenten der Hamburger Universität, bei denen anzunehmen ist, dass sie länger behindert bleiben, werden auf Wunsch dauerhaft von den Semesterticketgebühren befreit – und von jedem bürokratischen Aufwand. Riebold überlegt zu klagen, sollte er weiter diskriminiert werden.

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