Gesundheit : Senioren an die Maus

Betagte Menschen haben in der Regel wenig Berührung mit moderner Computertechnik. Ein neues Projekt könnte das ändern. Es entwickelt Hilfsmittel für die letzte Lebensphase

Adelheid Müller-Lissner
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Von der Zweckehe zur Liebe? Ältere Menschen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Computer keine Rolle spielten. Doch auch sie...dpa

Ohne Internetzugang, E-Mail und Handy ist man heutzutage nur ein halber Mensch. Zumindest gilt das für diejenigen, die im Berufsleben stehen. Anders sieht es bei vielen Älteren aus, die sich noch an eine Zeit erinnern können, in der der Computer nicht alle Lebensbereiche dominiert hat. Sie dürften es eher mit dem französischen Dramatiker Marcel Pagnol halten, der geschrieben hat: „Hütet euch vor den Technikern. Mit der Nähmaschine fangen sie an und mit der Atombombe hören sie auf.“ Zwar halten sie Apparate und Maschinen nicht direkt für gefährlich. Die Berührungsängste sind aber doch groß. Bei einer komplizierten Bedienung verzagen ältere Menschen mit schlechter werdenden Augen und schlechter werdendem Gedächtnis schnell.

Das ist ausgesprochen schade, denn technische Hilfsmittel könnten gerade bei krankheits- und behinderungsbedingten Einschränkungen das Leben leichter machen. Man denke zum Beispiel an ein schmales, unauffälliges Armband, das am Handgelenk getragen wird und in regelmäßigen Abständen Puls, Blutdruck und andere Vitaldaten misst, um sie sofort und von überall her an eine telemedizinische Zentrale zu übertragen. Oder an ein Auto mit einem eingebauten „Nothalteassistenten“, der automatisch und ganz zuverlässig in den autonomen Fahrmodus wechselt und das Fahrzeug sanft zum Stehen bringt, wenn der Fahrer das selbst nicht tun kann, weil er bewusstlos wurde oder einen Schlaganfall erlitten hat. Ein solches Unterstützungssystem hätte möglicherweise den Unfall im sauerländischen Menden verhindern können, wo kürzlich drei Menschen starben. Ein 79-jähriger Fahrer war – vermutlich wegen eines Schwächeanfalls – während eines Schützenfests in einen Spielmannszug gerast.

Leider sind Armband und Nothalteassistent noch Zukunftsmusik. Doch es gibt ein Entwicklungsprojekt, das genau an solchen technischen Raffinessen arbeitet. Unter dem Titel „Smart Senior – Intelligente Dienstleistungen für Senioren“ haben sich insgesamt 28 Forscher und Firmen zusammengeschlossen, darunter die Deutsche Telekom, Siemens oder die Johanniter-Unfall-Hilfe. Erste Ergebnisse sollen in drei Jahren zu erwarten sein. Das Bundesforschungsministerium fördert die Allianz mit 25 Millionen Euro, dazu kommen 18 Millionen Euro aus der Wirtschaft. „Intelligente Assistenzsysteme für Senioren können dazu beitragen, Unfälle und Krankheiten zu vermeiden und die Alltagsaufgaben im Haushalt zu erleichtern“, so Staatssekretär Thomas Rachel bei der Vorstellung von „Smart Senior“ kürzlich in der Charité.

Mit dem Projekt will man sich nicht zuletzt den großen Herausforderungen des demografischen Wandels stellen. Denn immer mehr Menschen erreichen ein hohes Alter: Wer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboren wurde, hatte nur eine fünfprozentige Chance, 80 Jahre alt zu werden, ein Alter, das jedes zweite Baby des Jahres 2009 erreichen dürfte. Die Technikforschung von heute soll das Leben der Senioren von morgen erleichtern.

In Berlin sind unter anderem das Telemedizin-Zentrum der Charité und die Charité-Forschungsgruppe Geriatrie mit von der Partie. Die Forschungsgruppe leitet das „Smart Senior“-Teilprojekt „Integrierte Gesundheitsdienstleistungen für Mobilität und Lebensqualität“. Hier geht es darum, wie ältere Menschen mobil bleiben können. So soll beispielsweise ein Assistenzsystem entwickelt und wissenschaftlich evaluiert werden, das zur Bewegung motiviert, um Stürzen vorzubeugen. „Wenn ältere Menschen stürzen, brechen sie sich nicht nur die Knochen, sondern auch das Selbstbewusstsein“, sagt Elisabeth Steinhagen-Thiessen, die zugleich die Charité- Forschungsgruppe und das seit zehn Jahren bestehende Evangelische Geriatriezentrum Berlin leitet, wo ältere Patienten eine stationäre Tagesklinik besuchen können und über das Alter geforscht wird. Hier am Geriatriezentrum zeigt sich, dass intelligente und benutzerfreundliche Technik von den Patienten längst gut angenommen wird. Computer helfen nach einem Schlaganfall, das Gedächtnis zu trainieren oder einen Löffel Schritt für Schritt an den Mund zu führen und so das Essen neu zu üben. Rechenleistung ist auch bei einem Hüfttrainer gefragt, der Daten verarbeitet, die während des Bewegungsprogramms von Sensoren an Armen und Beinen des Patienten gewonnen werden.

Anfangs kommt es oft zu einer Ablehnung der Patienten mit der Begründung, sie seien zu alt dafür. Diese Berührungsängste verschwinden jedoch, wenn die Patienten die altersgerechten Systeme nach einer sorgfältigen Anleitung benutzen. Vielen Patienten macht es dann sogar sichtbar Spaß, ihre Übungen am Computer durchzuführen. „Die therapeutischen Ansätze scheinen vielversprechend, so dass wir nicht auf den Einsatz von Technologie verzichten möchten, sondern das Angebot im Gegenteil weiter ausbauen möchten“, sagt Projektassistent Marten Haesner. Also gibt es doch eine Chance, dass aus der Zweckehe Alter und Technik noch eine Liebe werden könnte? 

„Technik ist eine Freundin des Alters“, schreibt die Akademiengruppe „Altern in Deutschland“ in ihren Empfehlungen, die vor kurzem unter dem schönen Titel „Gewonnene Jahre“ veröffentlicht wurden. Dort ist aber auch nachzulesen, welche Anforderungen an Technik zu stellen sind, damit Ältere sich mit ihr anfreunden können: Erstens muss der Aufwand für ihren Einsatz geringer sein als der Nutzen. Sonst bleiben sie mit großer Wahrscheinlichkeit in der Ecke liegen. Zweitens sollten die Geräte möglichst individuell einsetzbar sein. Denn Unterschiede in der Leistungsfähigkeit und in den Vorlieben nehmen mit dem Alter immer mehr zu statt ab. Drittens aber komme es bei der Nutzung technischer Hilfsmittel darauf an, die richtige Balance aus Unterstützung und eigener Anstrengung zu finden, so betonen die Altersforscher. Nicht immer ist es gut für die Gesundheit, sich von einem Gerät Arbeit abnehmen zu lassen. Das gilt schon in jungen Jahren – zum Beispiel für Rolltreppen und Aufzüge.

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