Gesundheit : Sensation in Peru: Architektur der Sandsäcke

Ingo Bach

Wenn es um die Ursprünge der menschlichen Hochkulturen geht, dann schauen die Wissenschaftler immer noch gebannt auf den so genannten fruchtbaren Halbmond, der sich vom Niltal über Anatolien bis nach Mesopotamien erstreckt. Hier, so glaubte man lange Zeit, machten die Menschen die ersten Schritte in Richtung Zivilisation: die älteste Schrift, die ältesten Städte, die älteste intensiv betriebene Landwirtschaft. An Superlativen herrscht kein Mangel. Doch nun stellt sich heraus, dass es nicht nur im "Halbmond" zivilisatorische Frühstarter der Menschheit gab, sondern auch im relativ spät besiedelten Südamerika, genauer im Norden Perus, zwischen der Pazifikküste und der mächtigen Gebirgskette der Anden. Grafik: Die große Pyramide von Caral In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Science" (Vol. 292, S. 723), die heute erscheint, berichten Wissenschaftler über eine Sensation: Die älteste Stadt des präkolumbianischen Amerika stammt aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend. Um 2600 vor Christi Geburt schufen die peruanischen Ureinwohner im Tal des Flusses Supe eine Stadt mit großen Pyramiden und Palästen, die die Wissenschaftler heute Caral nennen. Zu einer Zeit also, als die Ägypter bei Gizeh die Pharaonengräber aufschichteten und die Sumerer in Mesopotamien gewaltige Zikkurate in den Wüstensand klotzten. "Die Strukturen von Caral sind in den Andengebieten weit verbreitet", schreibt der Chicagoer Anthropologe Jonathan Haas in "Science". "Aber nun wissen wir, dass dies hier eine der ältesten ist." Die Geschichte der frühen Anden-Kulturen müsse mit den neuen Erkenntnissen wohl umgeschrieben werden.

Das Flusstal befindet sich etwa 200 Kilometer nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima und zieht sich von der Pazifikküste 90 Kilometer weit ins Landesinnere. Es war offensichtlich schon vor Jahrtausenden dicht besiedelt. Es ist geradezu übersät mit archäologischen Stätten. Caral ist eine von insgesamt 18, und alle sind deutlich sichtbar, verbergen sie sich doch - wie in Mesopotamien - unter gigantischen Erdhügeln, die die Jahrtausende auf sie türmten.

1000 Jahre älter als gedacht

Bis jetzt kannten die Wissenschaftler das wahre Alter der Stätte nicht. "Die meisten Forscher konnten sich nicht vorstellen, dass eine solche Bauleistung zu einer Zeit möglich war, in der die Keramik noch gar nicht erfunden war", sagt Henning Bischof, Leiter der völkerkundlichen Sammlung des Mannheimer Reiss-Museums. Den Beginn des keramischen Zeitalters in der altamerikanischen Geschichte datieren Forscher auf etwa 1500 vor Christus - Caral ist damit mindestens 1000 Jahre älter, als gedacht.

Die drei Altamerikanisten - Ruth Shady Solis von der San Marcos Universität Lima (Peru) sowie Johnathan Haas vom Field Museum Chicago und Winifred Craemer von der Northern Illinois University - haben mit Hilfe der Radiokarbon-Methode die Ursprungszeit der Bauten bestimmen können. Dafür benötigen die Wissenschaftler Reste organischer Materialien wie Holzstücke oder Lebensmittelrückstände. Schon kleinste Proben reichen aus. Allerdings zerfallen diese im Laufe der Jahrtausende sehr stark, so dass für die ältesten Menschheitsepochen relativ selten auf diese Art der Datierung zurückgegriffen werden kann. Doch im Supe-Tal hatten die Archäologen Glück. Sie fanden in den Mauern der alten Stadt Reste von Tragetaschen aus Schilfrohr. Mit diesen grob gewebten Beuteln transportierten die Arbeiter unbehauene Steine zum Bauplatz. Das Besondere daran ist, dass sie diese Taschen mit den Mauersteinen verbauten. "So wie wir heute Sandsäcke für Notdämme nutzen, so bauten die Altperuaner ihre Pyramiden", sagt der Altamerikanist Bischof. Kein Zweifel also, dass Mauerwerk und Taschenreste derselben Epoche entstammen.

Die Architektur der Indios von Caral ist monumental: Allein die Kantenlänge der "Große Pyramide" misst 150 mal 160 Meter. 18 Meter hoch erhob sich der Bau über das Tal. Zwischen insgesamt sechs Pyramiden, die offenbar ebenso Tempel wie Paläste hochgestellter Persönlichkeiten waren, fanden die Archäologen die Reste von Wohnhäusern, Straßen und Plätzen. "Die meisten Wohngebäude waren aus Stroh auf einem festen Fundament gebaut", sagt Bischof.

Wie in vielen der frühesten Zivilisationen bewässerten die Bauern auch im Supe-Tal ihre Felder. Mit Kanälen zapften sie den Fluß an und leiteten das Wasser zu den Plantagen, auf den Bohnen, Kartoffeln und Baumwolle wuchsen. Erstaunlicherweise bauten sie keine Getreide an. Bischof: "Der Mais kam erst tausend Jahre später."

Diese Tatsache erschüttert die Theorie einiger Historiker, wonach komplexe Gesellschaften nur entstehen können, wenn sie Getreide produzieren. Wieso? Getreide kann lange und vor allem in großen Mengen gelagert werden und ist somit geeignet, um Arbeit damit zu "bezahlen". Wissenschaftler nennen dies "Lebensmittel-Währung". Die Anthropologin Winifred Craemer spekuliert in "Science", dass es im Supe-Tal eine andere "Währung" gab - "vielleicht getrockneten Fisch". Vom Tauschwert her sei das ein guter Ersatz für Mais.

Brodelnder Kessel der Zivilisation

Immer wieder gerät der Norden Perus in die archäologischen Schlagzeilen, scheint sich doch gerade hier, zwischen Pazifikküste und den Anden, eine brodelnder Kessel der Zivilisierung befunden zu haben. Auch Henning Bischof ist sich sicher: "Hier finden wir die Keimzelle der urbanen Kultur Südamerikas." In dieser Wüste, in der nur selten Regen fällt, sind die zahlreichen Flüsse, die von den Anden genährt werden, die einzige Wasserquelle. Um sie sich nutzbar zu machen, bedarf es einer zentralisierten Gesellschaft, denn der Aufbau und auch die Wartung eines Kanalsystems sind von einzelnen Familien kaum zu bewältigen.

Die Kulturen, die hier entsprangen, haben klangvolle Namen: die Nazca zum Beispiel, die mit ihren nur aus der Luft erkennbaren riesigen Scharrbildern noch heute erstaunen oder die Moche (200 vor Christus bis 600 nach Christus), deren hochentwickelte Keramiken weltweit einzigartig sind. Und schließlich das Reich der Inka, das die Spanier 1532 auslöschten.

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