Gesundheit : Sensationsfund unterm Schotter

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Gesucht wurde nach Zeugnissen für das Alter eines antiken Stadttores, gefunden wurde dabei eine Sensation: Unter einer Schotterstraße im Kerameikos, dem einzigen erhaltenen Friedhof des antiken Athen, fanden deutsche Archäologen die ursprünglich über zwei Meter große Marmorstatue eines Jünglings vom Anfang des 6. Jahrhunderts vor Christus, einen so genannten Kuros. Er stellte sich als weiteres Meisterwerk des ersten großen athenischen Bildhauers heraus, des nlosen „Dipylon-Meisters". Wolf-Dietrich Niemeier, Erster Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts Athen, leitet die Grabungen.

War der Kuros ein Zufallsfund?

Ja, durch die Ausgrabungen sollte die Baugeschichte des Heiligen Tors, eines der beiden Stadttore in der themistokleischen Stadtmauer von 478 v. Chr., geklärt werden. Hierfür war es notwendig, zwei Kanäle freizulegen. Die Arbeiten standen kurz vor dem Abschluss, da stieß ein Grabungsarbeiter auf die linke Schulter eines auf der Vorderseite liegenden marmornen Kuros. Dicht daneben lag Kopf an Kopf das Fragment einer Sphinx, ebenfalls aus Marmor. Auch die Skulptur eines Löwen, Symbol der Stärke und Bewacher der Toten, gehört dazu. Mit diesen und anderen Statuen und Fragmenten war eine Schotterstraße befestigt worden, die in späterer Zeit von den Kanälen überquert wurde.

Hat man also einfach Statuen als Straßenpflaster benutzt?

Nein. Die Stadt war 479 v. Chr. vollständig von den Persern zerstört worden, auch die Grabmäler vor den Toren der Stadt, und dadurch waren die Statuen entweiht. Als die Athener wieder in ihre Stadt zurückgekehrt waren, ließ Themistokles, der damals führende Staatsmann, 478 v. Chr. eine neue Stadtmauer bauen, die das Stadtgebiet vergrößerte - Gräber aber mussten immer außerhalb der Stadt liegen. Das heutige archäologische Ausgrabungsgebiet ist im übrigen mehr oder weniger durch Zufall entstanden, seinen Namen hat es durch die dort ansässigen Töpfer (Kerameis) bekommen. Heute sind im Ausgrabungsgebiet Grabdenkmäler aus klassischer Zeit (5/4. Jahrh. v. Chr.) zu besichtigen, also Gräber, die nach dem Bau der Mauer des Themistokles außerhalb der Stadt angelegt wurden.

Und die zerstörten Statuen?

Im Kerameikos wird seit 1863 von griechischen, seit 1907 von deutschen Archäologen gegraben. Einige Funde von damals können mit den jüngsten Funden in Beziehung gebracht werden. An erster Stelle steht dabei ein Kuros-Kopf, der 1916 bei Grabungen im zweiten Tor in der themistokleischen Mauer, dem Dipylon (Doppeltor) gefunden wurde. „Eines der gewaltigsten Werke der attischen Kunst", dessen vollendete Klarheit der Form noch jeden Betrachter begeistert hat, wie Ernst Buschor 1927 schrieb. Stilistische Vergleiche haben ergeben, dass beide Kuroi vom selben Bildhauer geschaffen wurden. Bei dem als „Dipylon-Meister" bezeichneten Künstler handelt es sich um den ersten großen Bildhauer Athens.

Heißt das, dass nach fast neunzig Jahren ein Zwillingsbruder des berühmten Dipylon-Kopfes aufgetaucht ist?

„Zwilling" kann man ihn nicht nennen, weil die Maße der beiden Jünglingsstatuen verschieden sind. Ein „Bruder" ist er sicherlich. Der früher gefundene Kopf misst 36,5 cm, die ganze Statue dürfte danach 2,19 Meter groß gewesen sein. Der „neue" Kuros, dem die Unterschenkel fehlen, kommt auf 2,01 Meter. Erhalten sind 1,45 Meter. Der Kopf ist 33,5 cm hoch. Wichtiger ist aber die stilistische Übereinstimmung: das schmale Gesicht mit der hohen Stirn, die mandelförmigen Augen mit den breiten Lidern und die Stilisierung der Ohren.

Auf jeden Fall sind sie, wie wohl alle Kuroi, überlebensgroß. Warum?

Der Tote, auf dessen Grab die Statue stand, wird heroisiert.

Wann werden die gefundenen Skulpturen zu sehen sein?

Das kann man noch nicht sagen. Der Kuros muss gereinigt und restauriert werden, langwierige Arbeiten bei einer Marmorplastik. Allein seine Aufstellung - vielleicht finden wir die fehlenden Beine noch - wird noch eine ganze Zeit in Anspruch nehmen.

Das Gespräch führte Wolfgang Lehmann. Besichtigung des Archäologischen Parks in Athen (Akropolis, Agora, Kerameikos) täglich von 8 - 19 Uhr. Der Führer durch Ausgrabung und Geschichte des Kerameikos (Ursula Knigge, Der Kerameikos von Athen) ist gegenwärtig nur in Englisch erhältlich.

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