Sepsis - die unbekannte Krankheit : Das vergiftete Blut

Sepsis ist eine immer noch weitgehend unbekannte Krankheit, obwohl jährlich Zehntausende an ihr erkranken und die Sterblichkeit hoch ist. Das Bundeswehrkrankenhaus in Mitte hat sich auf die Diagnose und Behandlung spezialisiert.

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Drei Wochen Koma. Bernd Hintze mit Oberfeldärztin Karin Dey.
Drei Wochen Koma. Bernd Hintze mit Oberfeldärztin Karin Dey.Foto: Georg Moritz

Eigentlich wollte Bernd Hintze jetzt weit weg sein, irgendwo im Süden. Stattdessen liegt er in einem Krankenhausbett. Am Tag zuvor hatte er 25. Hochzeitstag. Seine Frau kam aus Zossen mit den drei Kindern und ein paar Stücken Kuchen. Das wird sich zwei Tage später wiederholen, dann ist Hintzes 64. Geburtstag. Planen kann er sonst nichts, er kann kaum laufen. Vor mehr als zwei Monaten wurde Hintze eingeliefert, drei Wochen davon verbrachte er im künstlichen Koma. Er erinnert sich nur an die Albträume. Fragt man ihn, wie oft er operiert wurde, schüttelt er bloß den Kopf. Es waren zehn OPs.

Ein Tumor hatte seinen Darm so geschädigt, dass Erreger in den Bauchraum austraten. Hintze hatte einen septischen Schock. Bei einer Sepsis, auch bekannt als Blutvergiftung, treten Krankheitserreger in die Blutbahn ein und verbreiten sich so im Körper. Bei einer schweren Sepsis versagen durch die übersteigerte Immunantwort des Körpers einzelne Organe. Beim septischen Schock werden die Organe nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt. Wann genau bei Bernd Hintze die Sepsis begonnen hat, kann Oberfeldärztin Karin Dey vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin heute nicht mehr genau bestimmen. Fünf Tage nachdem Hintze ins Krankenhaus kam, erfolgte eine Notoperation. Da hatte er gerade noch Zeit, seine Frau telefonisch zu benachrichtigen, an die nächsten 50 Tage kann er sich kaum erinnern.

Das 1991 gegründete Bundeswehrkrankenhaus Berlin behandelt nicht nur Soldaten, sondern auch Zivilisten. Ein Schwerpunkt hier ist die Diagnose und Therapie von Sepsis. Die Erkrankung ist laut dem Verein Deutsche Sepsis-Hilfe e. V. ein in den Köpfen von Ärzten und Laien noch nicht ausreichend präsentes Krankheitsbild. Dabei erkranken jährlich mehr als 75 000 Menschen bundesweit an einer schweren Sepsis, laut der Deutschen Sepsis-Hilfe sterben die Patienten in 47 Prozent der Fälle. Bei einem septischen Schock liegt die Sterblichkeit hierzulande bei 60 Prozent.

Die Fälle der Erkrankung nehmen zu. Zum einen, weil die Lebenserwartung weiter steigt und ältere Menschen oft anfälliger für eine Sepsis sind, zum anderen weil es mehr und mehr Keime gibt, die hochansteckend sind und dabei resistent gegen eine Behandlung mit Antibiotika. Die Sepsis entsteht an einem Infektionsherd, sei es etwa die Lunge, der Harntrakt, die Haut oder auch das zentrale Nervensystem – deshalb ist sie auch keiner eindeutigen Fachabteilung zuzuordnen. Zudem sind die Symptome schwer erkennbar. Karin Dey sagt, meist sei es so ein unbestimmtes Gefühl, irgendetwas stimme mit den Patienten nicht, oft sind sie verwirrt oder apathisch. „Ich glaube der Laie kann das nicht erkennen.“ Um die Aufmerksamkeit für die Erkrankung zu erhöhen, gibt es eine bundesweite Studie der Universität Jena, an der auch das Bundeswehrkrankenhaus teilnimmt. Ziel ist es, nach einem Coaching von zwei Jahren die Maßnahmen im Krankenhaus so zu verbessern, dass eine Sepsis schneller erkannt und schneller mit der richtigen Antibiotikatherapie behandelt wird.

Wenn der Schweregrad der Sepsis zunimmt, wird die Behandlung ungeheuer komplex

Karin Dey beugt sich über Bernd Hintzes Krankenhausbett und fragt: „Darf ich mal auf Ihren Hals gucken?“ Die Wunde vom Luftröhrenschnitt verheilt zwar gut, doch die Erinnerung bleibt. Es war das Schlimmste für ihn, erzählt er, aufzuwachen und wegen des Luftröhrenschnitts nicht sprechen zu können. „Meine Frau hat dann ein Blatt Papier mitgebracht, aber was ich da geschrieben habe, das kann ich heute selbst nicht mehr lesen.“ Mit seinen großen Augen sieht Bernd Hintze so aus, als könne er immer noch nicht glauben, was ihm da wiederfahren ist. Vielleicht wirken die Augen auch so groß, weil er so viel abgenommen hat.

Vier Wochen vor seiner Einlieferung hatte er sich schon nicht so gut gefühlt, er hatte keinen Appetit, musste sich nach der Arbeit hinlegen. Dann zitterte er eines frühen Morgens bei seiner Arbeit als Hausmeister in Mitte so stark, dass der Wachdienst ihn fragte, ob er eine Jacke bräuchte. „Ein Notarzt wäre besser“, sagte Hintze. Der Krankenwagen brachte ihn ins Bundeswehrkrankenhaus. Bei der Behandlung einer schweren Sepsis muss der Infektionsherd beseitigt werden, bei Bernd Hintze war das der Tumor im Darm. Weitere Operationen folgten, um den Bauch von Erregern freizuspülen, Abszesse zu entfernen, die große Wunde zu schließen.

Karin Dey betreut im Bundeswehrkrankenhaus die Sepsis-Studie. In den zweieinhalb Jahren seit Beginn der Studie hatte sie etwa 120 Patienten mit einer schweren Sepsis. „Wenn der Schweregrad der Sepsis zunimmt, wird die Behandlung ungeheuer komplex“, sagt Dey. Ziel ist es deshalb, 60 Minuten nach der Diagnose das richtige Antibiotikum zu geben. Meist sind es mehrere verschiedene Antibiotika, je nach Erreger, oft müssen sie auch gewechselt werden. Daher untersucht man regelmäßig Blutproben des Patienten, um die Erreger zu überwachen.

Im Bundeswehrkrankenhaus gibt es daher jede Woche ein Treffen von Ärzten, Mikrobiologen und Pharmakologen, die jeden einzelnen intensivmedizinisch betreuten Patienten hinsichtlich der Therapie mit Antibiotika besprechen. Eine weitere interdisziplinäre Zusammenarbeit gibt es auch im von Karin Dey geleiteten sogenannten Change-Team, das in Anlehnung an die Sepsis-Studie entstanden ist. Hier geht es darum, eine eigene Qualitätskontrolle zu übernehmen und dabei ständig an Verbesserungen zu arbeiten. „Man kann vieles denken, aber man muss es auch im klinischen Alltag verankern, sonst ändert sich nichts“, sagt sie. Vom Studiensitz Jena aus gibt es deshalb regelmäßig Rückmeldung, wie sich bei den Studienteilnehmern die Dauer bis zur ersten Antibiotikagabe nach der Sepsis-Diagnose entwickelt.

Detail aus dem Labor des Bundeswehrkrankenhauses
Detail aus dem Labor des BundeswehrkrankenhausesFoto: Georg Moritz

Da es so wichtig ist, eine Sepsis früh zu erkennen, hat das Bundeswehrkrankenhaus zum Welt-Sepsis-Tag im vergangenen September einen Aktionstag veranstaltet – als einziges Krankenhaus in Berlin. Die Besucher konnten sich dort auch über die Symptome der Erkrankung informieren, die nicht immer eindeutig sind und auch nicht zwingend auftreten. Dazu gehören Atemnot oder schnelle Atmung, ein hoher Puls, niedriger Blutdruck, schlechte Ausscheidung, kalte Extremitäten, generelle Verwirrtheit und Apathie, Fieber und Schüttelfrost. Dieses Jahr wird anlässlich des Welt-Sepsis-Tags am 9. September das „Sepsis Summit Berlin 2013“ in Berlin veranstaltet, bei dem Akteure und Entscheidungsträger an Vorträgen und Diskussionen teilnehmen. Das Treffen findet im Langenbeck-Virchow-Haus in Mitte statt.

Bernd Hintze hat die Erkrankung endlich hinter sich. Nach Wochen auf der Intensivstation verbrachte er zunächst zwölf Tage im Aufwachraum, jetzt liegt er auf der chirurgischen Station. Wenn alles gut läuft, dann darf er in einer Woche endlich nach Hause. Und dann beginnt erst einmal eine lange Zeit der Rehabilitation. Ob er in seinen Beruf zurückkehren wird, kann Hintze noch nicht sagen, es kommt darauf an, wie er sich erholt. Den Ärzten ist er sehr dankbar, aber langsam wird es Zeit, heimzukehren, in die gewohnte Umgebung, zurück zur Familie. „Das ist für mich jetzt das beste Heilmittel“, sagt er.

www.world-sepsis-day.org

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