Gesundheit : Serie Geisteswissenschaftliche Zentren: Keine Nazi-Diktatur, aber eine Diktatur

Heiko Schwarzburger

Angenommen, ein findiger Archäologe gräbt irgendwo bei Rom die Gebeine von Julius Cäsar aus. Angenommen, ein ebenso findiger Molekularbiologe klont aus den Überresten einen neuen Imperator. Würden ihn findige Tourismusmanager durch die Straßen Roms kutschieren, damit ihm das Volk jubelnd huldigt? Oder würden ihn findige Juristen vor den Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte stellen, ihn aburteilen für die Unterjochung fremder Völker und die Hinrichtung abertausender Sklaven? Die antiken Gräuel sind wohl verjährt, doch in den Geschichtsbüchern leuchtet Cäsars Ruhm als Kriegsherr und Staatsgründer über allen Verbrechen. Hitler, ein später Enkel, gilt als das Böse schlechthin. Wofür stehen Walter Ulbricht und Erich Honecker? Für Demokraten jedenfalls taugten sie kaum.

Kein Streit wird derzeit hitziger geführt, als über die jüngste deutsche Geschichte. "Ich halte nichts davon, Hitler und die SED auf eine Stufe zu stellen", sagt Klaus Schroeder, Chef des Forschungsverbundes "SED-Staat" an der Freien Universität. "Aber ein idealistisch gemeintes Verständnis vom Sozialismus kann auch in Zukunft schnell wieder in Unfreiheit umschlagen."

Schroeders Schreibtisch in Dahlem quillt über von Manuskripten, auf dem Fußboden stapeln sich Unmengen von Büchern: eigene Neuerscheinungen und die Rezensionsexemplare anderer Institute. Die Handvoll Wissenschaftler des FU-Forschungsverbundes hat sich in der Debatte um die jüngste deutsche Vergangenheit immer wieder zu Wort gemeldet und manche Emotion kochen lassen. Staub konnte sich auf ihren Forschungsberichten nicht ablagern.

Sechs Jahre gibt es den Forschungsverbund "SED-Staat" bereits. Mit dem energischen Alt-68er Klaus Schroeder steht auch Manfred Wilke an der Spitze, ein zuweilen schnoddriger Historiker und Politikwissenschaftler, der früher den Kommunisten nahe stand, Stalin ablehnte und enge Kontakte zu Robert Havemann unterhielt.

Wenn sich er und seine Mitarbeiter heute durch die Archive des DDR-Staatsapparates und der SED wühlen, fördern sie oft bemerkenswerte Details zutage. Ob über die Speziallager der Sowjets nach dem Zweiten Weltkrieg, die Rolle der SED bei der Niederschlagung des Prager Frühlings oder Bespitzelung der DDR-Opposition durch die Staatssicherheit: die Publikationen des Forschungsverbundes "SED-Staat" geben ein ungeschöntes, fast lückenloses Bild über das Spiel der Mächtigen hinter den Kulissen.

"Die Geschichte einer Gesellschaft ist in erster Linie die Geschichte ihrer Herrschaft", urteilt Klaus Schroeder. "Im Zentrum der DDR stand die SED, Freiräume und Nischen waren marginal." Er wehrt sich gegen die Verdrängung historischer Tatsachen, gegen "das nachträgliche Weichzeichnen der DDR". Millionen Ostdeutsche würden heute sofort unterschreiben, dass die Diktatur der SED gar nicht so schlimm war. Auch im Westen mehren sich beschwichtigende Stimmen. "Der entscheidende Begriff ist die Freiheit", so Schroeder. "Politik ist nur unter freiheitlichen Bedingungen möglich. Wir brauchen beispielsweise eine freie Öffentlichkeit, um pluralistische Kontroversen gegen ideologische oder in jüngster Zeit auch ökonomische Verführungen zu ermöglichen. Diese Öffentlichkeit gab es in der DDR nicht."

Längst ist der Forschungsverbund "SED-Staat" in der Realität der heutigen Bundesrepublik angekommen. Die Analyse der Wiedervereinigung und der politisch-ökonomischen Transformationen in Osteuropa bilden das zweite Standbein der Forscher, deren Einnahmen aus Fremdaufträgen im Jahr 1998 mit knapp 1,3 Millionen Mark eine vergleichbare Höhe erreichte wie die Drittmittel des großen FU-Fachbereiches für Geschichtswissenschaften. So finanziert die Thyssen-Stiftung derzeit eine Untersuchung zur "Wiedervereinigung im Spiegel der Ostberliner Tagespresse". Manfred Wilke erforscht im Auftrag der Stiftung auch den Einfluss der SED auf die westdeutsche Friedensbewegung. In Vorbereitung befindet sich ein "Lexikon der deutschen Geschichte nach 1945", die Dahlemer Wissenschaftler steuern die Kapitel zur DDR bei. Geplant ist auch ein großes Projekt über "Berlin im Kalten Krieg".

Bis 2003 laufen die Forschungen, dann wollen sich Klaus Schroeder und seine Mitarbeiter einer wissenschaftlichen Begutachtung unterziehen. "Nach dieser Evaluation werden wir entscheiden, wie wir weiter machen", meint er. Archive durchforsten und Bücher schreiben, das allein reicht kaum aus. Seit drei Jahren treten die Berliner Forscher regelmäßig vor Thüringer Lehrern auf, referieren und diskutieren über "Demokratie und Diktaturen in Deutschland". "Wir spüren bei diesen Veranstaltungen, dass die Leute ein großes Interesse an unseren Ergebnissen haben und sich unbedingt darüber austauschen wollen", erzählt Schroeder. "Die meisten Lehrer stammen noch aus der DDR, viele sind verunsichert. Es fällt ihnen schwer, ihre persönlichen Lebenserfahrungen jetzt kritisch einzubringen."

Er warnt davor, mit den Ostdeutschen ungeduldig zu werden: "Die Westdeutschen vergessen zu gern, dass die Bundesrepublik erst in den 60er Jahren ein pluralistisches Land wurde. Nach Adenauer dominierte noch lange das alte deutsche Obrigkeitsdenken. Seit dem Ende der DDR sind gerade zehn Jahre vergangen, solche mentalen Prozesse laufen viel langsamer ab als die technologische oder ökonomische Wiedervereinigung."

Bisher erschienen: Zentrum für vergleichende Geschichtsforschung, Einstein-Forum, Moses-Mendelssohn-Zentrum, Zentrum für zeithistorische Forschung, Wissenschaftszentrum Berlin, Zentrum für allgemeine Sprachwissenschaft, Centre Marc Bloch

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