Gesundheit : Sexy Professoren

JOSEFINE JANERT

Sein Leben verbringt er damit, Wissen anzuhäufen und es anderen einzutrichtern.Er treibt sich in Bibliotheken und auf Kongressen herum, ist der Mittelpunkt des Seminars und die graue Eminenz des Gutachterteams.Er ist ein Gremienkönig.Was sind schon Menschen mit dem Beruf des Talkmasters oder des Managers gegen diesen Mann, dessen heiliger Status mit einer so nichtigen Zeichenkombination wie C4 beschrieben wird?

Die Rede ist vom Professor.Vom deutschen Professor.Von seinem Sexappeal.Daß er welches hat, steht außer Frage.Wie sonst ließe sich die immense Aufmerksamkeit erklären, die seiner Person landauf landab entgegengebracht wird? Geht es um die neueste Entwicklung in Burundi, wird der Professor als Fachmann herangeholt.Steht die jüngste Goethe-Edition auf dem Besprechungskalender, ist seine Meinung unverzichtbar.Im Abspann von Fernsehdokumentationen erscheint sein Name als Beweis dafür, daß alles seine sachliche Richtigkeit hat.Beim Schreiben der Hausarbeit wandern auch die Gedanken der einen oder anderen Studentin zu ihm.Seine Schlußfolgerungen! Seine messerscharfen Analysen! Wäre derselbe Mann interessant, wenn er Briefmarken verkaufen oder Taxis chauffieren würde?

Mancher Professor macht selbst aus einem Mittelalter-Seminar eine erogene Zone.Er redet und redet, und die Welt der Höfe und Klöster entsteht vor dem geistigen Auge, als hätte man sie selbst erlebt.Fast scheint es, als könne man den Professor mit einem guten Therapeuten vergleichen.Er bildet eine Projektionsfläche für Illusionen und Wünsche und treibt die Selbsterkenntnis voran.Als Vaterfigur ist er das Vorbild jener, die selbst an einer wissenschaftlichen Karriere basteln.Macht Macht erotisch? Na ja, viele behaupten das jedenfalls.Man sieht es am Beispiel von Bill Clinton.

Der Professor hat zwar keine Praktikantin, doch er sitzt in Ausschüssen und Gutachter- Kommissionen, im Akademischen Senat und in Stiftungen.Dort verteilt er Geld und verhandelt über Strukturen.Er vergibt Stipendien und Examensnoten.Er redet über die Zukunft der Universität und die Bildung an der Schwelle zum 21.Jahrhundert.Manchmal benutzt er dabei Wörter, die nur er selbst zu verstehen scheint.Er faselt von "endogener Programmumsetzung" und von "irrationaler Mythomanie".Ja, was meint er eigentlich damit? Wenn er so in Rätseln spricht, dann umweht ihn ein nahezu unbeschreiblicher Hauch von Mystik.Ist es das, was er erreichen will?

Manchem Alt-68er, der jetzt einen gut bezahlten Posten in der Universität inne hat, haftet zudem noch etwas Rebellisches an.Gerade erst dreißig Jahre ist es her, da besetzte dieser Mann Straßen und lieferte sich Wortgefechte mit den aufgebrachten Vertretern der Staatsmacht.Der Professor ist ein in die Jahre gekommener Revolutionär, der in Aufsätzen und Artikeln die Erinnerung an die guten alten Zeiten pflegt.Was ist schon die heutige Jugend dagegen mit ihren lahmen Protesten!

Früher schrieb der Mann Flugblätter, heute schreibt er Gedenkblätter, früher hielt er Mahnwachen, heute hält er Monologe.Vergangene Woche hat er im Seminar so schön eindringlich über die Ausbeutung in Lateinamerika gesprochen.Ob er mal da war, in den letzten 15 Jahren? Seine Augen sprühten jedenfalls Fünkchen.Die sorgten dafür, daß frau seine Fältchen gerne vergaß.

Vielleicht hängt seine Ausstrahlungskraft auch damit zusammen, daß es an geistes- und sozialwissenschaftlichen Instituten so wenig männliche Studenten gibt.Der Professor sitzt im Kreis von zwanzig jungen Frauen und redet über Hermeneutik.Er könnte auch über die Fortpflanzung von Quallen reden oder über die Beseitigung von Hausmüll.Hauptsache, er ist da.Und was kommt dann? Die Erfahrung zeigt, daß es recht schwierig ist, den Mann zu einer wissenschaftlichen Konsultation in kleinem Kreis zu bewegen.Der Professor hat nur an jedem zweiten Mittwoch von 16 bis 18 Uhr Sprechstunde.In der übrigen Zeit verschanzt er sich hinter seiner Sekretärin, einem Stapel Bücher und der Entschuldigung, er müsse sich auf einen Kongreß in London vorbereiten.Manchmal fällt die Sprechstunde auch aus, weil ein Kollege aus Paris plötzlich nach Berlin gekommen ist.Der Professor entzieht sich, aber die Gedanken der Studentinnen und Studenten folgen ihm.Er wird geachtet und gefürchtet - aber jedenfalls nicht übersehen.

Rein äußerlich ist an vielen deutschen Professoren ja nicht viel dran, was ihre Rolle als Sexsymbol rechtfertigt.Ihren Ruf an ein Institut erhalten die meisten schließlich erst zu einem Zeitpunkt, da sie die Blüte ihrer Jugendjahre längst überschritten haben.Das ewige Sitzen über den Büchern und in den Gremien trägt dazu bei, daß sich die Körpermaße von denen eines Henry Maske weiter entfernen.

Den Professor umweht trotzdem ein gewisses Etwas, der Charme der grauen Schläfen.Auch Midlife-Crisis kann eben sexy machen.Merke: Professoren mit schicker Fliege und gut sitzendem Jackett kommen besser an als Professoren mit losen Knöpfen und fettigen Haaren.Das Auge studiert schließlich mit!

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