• Sie muss mehr sein als eine US-Kopie - eine Tagung zu Ehren des scheidenden Rektors der Europa-Universität Viadrina, Hans. N. Weiler

Gesundheit : Sie muss mehr sein als eine US-Kopie - eine Tagung zu Ehren des scheidenden Rektors der Europa-Universität Viadrina, Hans. N. Weiler

Sonja Bonin

"Die Universitäten erscheinen heute als Einrichtungen ohne Konturen, die Not leiden und doch ungesund wachsen, in denen nicht länger Wahrheit und Bildung die Wirklichkeit bestimmen, sondern Berge und ihre Untertunnelung..., in denen Durchschnittlichkeit produziert..., viel Zeit vertan und viel Geld verschleudert wird." Das so zeitgemäß klingende Zitat stammt aus "Gullivers Reisen" von Jonathan Swift. Anknüpfend an den großen Satiriker des 18. Jahrhunderts verabschiedete sich der Rektor der Europa-Universität Viadrina, Hans N. Weiler, am Wochenende von seiner Universität in Frankfurt an der Oder.

Hans N. Weiler kennt die deutsche Hochschullandschaft und das vielbeschworene US-amerikanische System. Fast dreißig Jahre lehrte der deutsch-amerikanische Politikwissenschaftler an der Stanford-Universität in Kalifornien, ehe er 1991 als Berater des Landes Brandenburg in Sachen Hochschulpolitik nach Frankfurt kam. Dennoch: Den ständigen Vergleich mit US-amerikanischen Elite-Universitäten in der Diskussion um eine Reform des deutschen Hochschulsystems hält Weiler für völlig verfehlt. Vorbilder für eine unabhängige, "entstaatlichte" öffentliche Universität, wie sie vielen Reformern vorschwebt, könnten viel eher die state universities der amerikanischen Bundesstaaten sein.

Zur Emeritierung Weilers ehrte die Viadrina ihren bisherigen Rektor mit einem hochkarätig besetzten Symposion: Professoren und Rektoren aus der gesamten Bundesrepublik, sowie Vertreter von Wissenschaftsrat und Hochschulrektorenkonferenz tauschten Vorschläge zur Gestaltung der "Universitäten im 21. Jahrhundert" aus.

Einerseits zeigte die zweitägige Veranstaltung, dass die Debatte endlich da angekommen ist, wo die Beteiligten und Mitveranwortlichen sitzen: in den Hochschulen und den an der Reform mitwirkenden Institutionen. Andererseits blieben die Beiträge der Versammelten teilweise diffus. Lediglich auf abstrakte Wünsche, wie sie der ehemalige Außeminister Klaus Kinkel formulierte, konnte man sich einigen: Wir wollen die unabhängige, wettbewerbliche, profilierte, internationale Universität; Forschung und Lehre gehören zusammen und müssen sich an Höchstleistungen orientieren.

Auch Jürgen Mittelstraß, Philosophieprofessor aus Konstanz, forderte in seinem Grundsatzreferat, dass Universitäten Forschung, Lehre und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu gewährleisten hätten. Die richtigen Schritte ins neue Jahrtausend sieht er in Autonomie, Verantwortlichkeit und Profilierung. Die Universitäten müssten frei sein, Studiengänge und Disziplinen zu gestalten und sich dadurch ein individuelles Profil zu erarbeiten. Das wäre dann ihr Kapital, mit dem sie um die wissenschaftliche Elite unter den Studierenden konkurrieren. Dieses Bild entspricht auch den Vorstellungen des Centrums für Hochschulentwicklung, eines wichtigen Gedanken-Zulieferers für die Hochschulreform. Das CHE war durch Detlef Müller-Böling vertreten, und dieser gab sich optimistisch: Schon jetzt sei Einiges an Reformen in Gang gekommen.

Der Tenor der Tagung lautete: Wer eine bessere Ausbildung der Studenten für den Arbeitsmarkt verlange, der müsse den Hochschulen auch die Freiheit geben, ihre Studenten selbst auszuwählen. Solange die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) Studenten verschicke, von denen außerdem ein Teil für ein Studium nicht geeignet sei, blieben den Hochschulen die Hände gebunden. Solche Begründungen mögen bisher ein nützlicher Freischein für die Hochschulen gewesen sein, alle Verantwortung auf die Entwicklung zur Massenuniversität und fehlerhafte Strukturen abzuwälzen. Doch mit mehr Autonomie kommt jetzt auch mehr Verantwortung auf die Hochschulen zu. Die Hochschulen müssen sich um die besten Studenten bemühen. Und das heißt vor allem: Verantwortung für die Qualität von Forschung und Lehre übernehmen und im Konkurrenzkampf unter den Hochschulen bestehen. Die Folge wären auch regelmäßige Evaluationen der Lehrveranstaltungen, Kündbarkeit der Professoren und die Messbarkeit von Lehrerfolgen wie Forschungsleistungen anhand klarer Kriterien. Nur schlechte Universitäten müssten dann mit schlechten Studenten vorlieb nehmen.

Angesichts dieser Konsequenzen stellte der Journalist Konrad Adam von der FAZ die Frage in den Raum, inwieweit die Universitäten überhaupt zu dieser "anstrengenden" Freiheit bereit sind. Sein Eindruck ist vielmehr, so der konservative Kritiker provozierend, dass beide Seiten, Politiker und Universitäten, keinerlei Bereitschaft zu einer wirklichen Reform zeigten, bei der Professoren den Beamtstatus verlieren und die Wissenschaftler in zeitaufwendigen Interviews die Studenten selbst aussuchen müssen.

Jürgen Mittelstraß reihte sich im zweiten Teil seiner Ausführungen in die versammelte Schar der Fachhochschul-Verächter ein. Während des Frankfurter Symposions mussten die Fachhochschulen immer wieder als Beispiel für minderbewertete "bloße" Ausbildung herhalten - im Gegensatz zur wahrhaft aufklärerischen Bildung , die an den Universitäten geboten werde. Das Zerrbild, das die Universitäsprofessoren damit entwarfen, entlarvt ihre Absichten. Denn wenn Mittelstraß das 4 plus 3-Modell (vier Jahre Regelstudienzeit bis zum Abschluss, anschließend ein dreijähriger Promotionsstudiengang) als "Bastardisierung" ablehnt, weil es zu einer Mischung aus "Fachhochschulwerdung der Universitäten und Gelehrtenkolleg" werde, fragt man sich, welche gesellschaftliche Aufgabe die Universität heute und künftig zu erfüllen hat. Der Großteil der Studenten - nämlich alle, die einen Beruf außerhalb der Wissenschaft anstreben - würde an die Fachhochschulen verwiesen. Wollen die Universiäten zurück in die fünfziger Jahre, als sie nicht 30, sondern allenfalls fünf Prozent der jungen Generation ausbildeten, fragt sich der Besucher des Symposions.

Nein, Jürgen Mittelstraß fordert statt dessen die Reorganisation der Forschung. Die Masse der Studenten soll zwar an die Fachhochschulen abgeschoben, dafür aber ein erheblicher Teil der Forschung, der bisher in die Max-Planck-Institute und die Leibnizinstitute abgewandert ist, an die Universitäten zurückgeholt werden. Die Unis könnten damit wieder stärker als bisher die Forschung in den Mittelpunkt rücken, was ohnehin ihrem traditionellen Selbstverständnis entspricht. Befreit von der lästigen Pflicht, den Großteil der jungen Menschen auszubilden, bekämen sie konkurrenzlos die akademische Bildungselite zugeschanzt, die ihnen vorschwebt.

Damit hätten sie sich den "erotischen Kern der Wissenschaft" zurückerobert, wie Karl Schlögel von der Viadrina die Forschung nannte. Polemisch fragte Schlögel angesichts des reformerischen Optimismus seiner Mitdiskutanten, warum sich denn in der Hochschullandschaft so wenig bewege, wenn die Lösungen augenscheinlich so klar seien. Auch in der Orientierung auf die Forschung kann er nicht nur Positives sehen: Er empfindet den Skandal um gefälschte Forschungsergebnisse als Alarmsignal, das auf "Seilschaften und Zitate-Kartelle" im Wissenschaftsbetrieb aufmerksam macht.

Abgesehen von wenigen kritischen Ausnahmen zeigte der Beitrag der Professoren zur Bildungsreform vor allem, wie viele Pfründen es zu wahren gilt. Es bleibt Aufgabe der Politik, festzulegen, wie die Informationsgesellschaft in Zukunft die Ausbildung ihrer jungen Generation organisieren wird.

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