Gesundheit : Sie wollen doch nur stechen

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt: Was gegen Mückenplagen zu tun ist.

Ria Weber
Trotz Einreiseverbot sind viele Mücken auf dem Seeweg nach Deutschland gekommen – um zu bleiben und sich zu mehren. Foto: Norbert Buchholz/Panthermedia
Trotz Einreiseverbot sind viele Mücken auf dem Seeweg nach Deutschland gekommen – um zu bleiben und sich zu mehren. Foto: Norbert...Foto: PantherMedia / Norbert Buchholz

Wäre bei Facebook die Statusmeldung „Entspannen bei Sonnenuntergang im Garten mit einem Glas Wein“ zu lesen – rund zwei Millionen Mücken würden wohl darauf abfliegen und in der Dämmerung den „Gefällt mir“-Button anklicken. Sobald die Sonne untergeht und die Mücken kommen, kann es ziemlich ungemütlich werden im hauseigenen Garten und auf dem Balkon. In diesem Jahr ist die Mückenpopulation in Deutschland außergewöhnlich hoch, vermutlich fünf- bis zehnmal so hoch im Vergleich zum Vorjahr. Was können Menschen tun, damit Mücken „die Fliege machen“?

Wissenschaftler sprechen von einer Mückenplage, die besonders den Süden und den Osten des Landes betrifft. Grund dafür ist das Hochwasser an Donau und Elbe, das den Mücken ganz besonders günstige Umstände für ihre Brut bereitet. Da eine große Zahl von Mücken ihre Eier in feuchten Senken ablegen und das Hochwasser und der Regen solche vielerorts bildete, sind zusammen mit der derzeitigen Wärme ideale Voraussetzungen geschaffen für eine große Mückenpopulation.

Im Rhein-Main-Gebiet wäre die Lage ähnlich schlimm, wäre nicht vorgesorgt worden: „Bei uns stehen Hubschrauber bereit, wir haben den Wirkstoff gegen Mücken eingelagert. Wenn ein Hochwasser kommt, sind wir gerüstet“, erläutert Norbert Becker, Biologe und wissenschaftlicher Direktor der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (Kabs) in Waldsee bei Mannheim. Die Mitarbeiter des Kabs’ wurden von vielen Gemeinden um Hilfe gebeten und sind nun dabei, eine solche Infrastruktur auch dort aufzubauen.

Doch nicht nur die heimischen Mücken bereiten den Bekämpfern Kopfzerbrechen. Es treten vermehrt exotische Mückenarten in Deutschland auf, die hier heimisch werden können. „Japanische Buschmücken haben sich im Süden Deutschlands schon etabliert. Etabliert hat sich eine Art, wenn sie drei Generationen in der freien Wildbahn hervorbringt“, erklärt Becker. Diese Art gelangte vermutlich über Handelsschiffe nach Deutschland. „Hier kommt der globale Handel zum Tragen, vorwiegend mit Altreifen, die von anderen Kontinenten nach Europa transportiert werden. In die Reifen legen Mückenweibchen ihre Eier.“ so Becker. Die Buschmücke sei allerdings nicht so gefährlich wie beispielsweise die asiatische Tigermücke, die mehr als 20 teils gefährliche Viren auf den Menschen übertragen könne, darunter das Dengue- oder Chikungunya-Virus. Gesichtet wurde diese Art bisher am Oberrhein und in Bayern. Zwar sei theoretisch die Übertragung solcher Viren auch in Deutschland möglich, allerdings müssten dafür hierzulande etliche Menschen die Erreger in sich tragen und von Mücken gestochen werden, um wiederum andere Menschen zu infizieren. Darauf weist Nikolaus Frühwein von der Bayerischen Gesellschaft für Immun-, Tropenmedizin und Impfwesen hin. Das Risiko sei im Moment eher gering, sollte aber nicht aus den Augen gelassen werden.

Während diese exotischen Arten durch die Kabs unter Beobachtung stehen, kämpft der Garten- oder Balkonbesitzer gegen die Culex pipiens, die gemeine Stechmücke, die vor allem im Schlafzimmer anzutreffen ist, oder gegen die Aedes vexans, im Volksmund auch Rheinschnake genannt, die an Flüssen und Seen heimisch ist. Sie sind aktuell die Plagegeister Nummer eins in Deutschland. Die Weibchen gehen auf uns los, weil sie die Proteine aus unserem Blut zur Eierbildung benötigen.

„Mücken sind Dufttiere und fliegen auf Duftmolekülautobahnen“, sagt Eva Goris Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung. Sie werden vom menschlichen Geruch angezogen, vor allem durch älteren Schweiß und dessen Inhaltsstoffe Buttersäure und Ammonium. Mücken stehen aber auch auf Duftstoffe in Parfüms und das Kohlendioxid im Atem. Daher mache es auch wenig Sinn, nur im Dunkeln zu lüften, da die Mücken ihre Opfer anhand des Geruchs auch ohne Beleuchtung finden. Es empfiehlt sich demnach ein Fliegengitter.

In Garten und auf dem Balkon raten Mediziner von den Tropen zu lernen und sich während der Dämmerung zurückzuziehen, weil die Mücken zu dieser Tageszeit und auch in den Morgenstunden besonders häufig auftreten und stechen, da die Luftfeuchtigkeit und die Temperatur perfekt für sie sind. Soll den Mücken im grünen Terrain doch der Krieg angesagt werden, führt ein Weg an Cremes und Gels nicht vorbei. Es gilt hierbei zu beachten, dass zusätzlich ein Mittel für Textilien gekauft wird, da die Mücken auch ohne Probleme durch Jeansstoffe an den kostbaren Rohstoff kommen. Da aufgrund der starken Nachfrage nach dem Hochwasser aktuell mit Engpässen bei Mückensprays zu rechnen ist, stehen auch Hausmittel zur Verfügung, um der Mückenplage Herr zu werden. Beispielsweise vertreiben Zitronenscheiben dicht gespickt mit Nelken die lästigen Blutsauger. Ein Einreiben der Haut mit Lavendel- oder Zitrusöl kann ähnliche Wirkung wie ein synthetisches Insektizid haben. Ein sicheres Mittel ist es aber nicht. Neben dem Aufhängen von Rauchspiralen hilft auch das Leeren oder Abdecken von stehendem Wasser, wie in Gießkannen, Regentonnen oder Vogeltränken. Für Regentonnen, die nicht geleert werden sollen, können Tabletten mit dem natürlichen Wirkstoff Bacillus thuringiensis helfen. Der Wirkstoff tötet Mückenlarven rein biologisch, ohne der Umwelt oder anderen Tieren zu schaden. Den Stoff verwendet die Kabs großflächig zur Mückenbekämpfung.

Und was bleibt uns, wenn wir gestochen wurden? Marion Moers-Carpi vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen (BVDD) rät zunächst zu einem kalten Waschlappen oder einer Eiskompresse: „Kühlen hilft immer“, sagt die Hautärztin. Gute Erfahrungen habe sie auch mit speziellen Geräten gemacht, die einen elektrischen Impuls mittels Hitze geben, der den Juckreiz und die Schwellung mindert.

„Ansonsten hilft meist ein Kortisonpräparat“, fügt Moers-Carpi hinzu. Es mindert den Juckreiz, indem es verhindert, dass Histamin ausgeschüttet wird. Diesen Stoff setzt der Körper in Reaktion auf den Mückenstich frei. „Erst durch das Histamin juckt der Stich so stark“, erklärt die Hautärztin. Daraus resultiert: „Wenn es ganz schlimm ist, kann man auch ein Antihistaminikum einnehmen.“ Um zu verhindern, dass die Blutsauger einen stechen, gibt es im Handel spezielle Anti- Mücken-Mittel – sehr bewährt seien solche, die den chemischen Wirkstoff DEET enthalten.

Ende September oder Anfang Oktober, wenn es wieder kälter wird, ist die Zeit der Mücken dann auch vorbei. Dann kann die Dämmerung im Garten, in eine Decke gekuschelt und mit einem Tee in der Hand, unbeschwert genossen werden. mit dpa

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