Gesundheit : Siebenhundert Jahre im Kopf

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Traditionell definierte sich die Völkerkunde als die Wissenschaft von den schriftlosen Kulturen. Im Ethnologischen Museum in Dahlem sind unter anderem Objekte aus Kulturen gesammelt, in denen das Erzählen eine weit wichtigere Rolle spielt als bei uns. Das gilt etwa für viele afrikanische Gesellschaften, in denen es noch immer die traditionellen Erzähler, genannt Griots, gibt. Peter Junge leitet die Afrika-Abteilung des Museums.

Aus der Sicht eines Afrika-Spezialisten: Gibt es in Deutschland überhaupt so etwas wie eine Erzählkultur?

Traditionell schon, denken Sie an die Märchenerzähler in früheren Jahrhunderten. Aber auch deren Rolle war weniger bedeutend, wenn man sie mit den Erzählern in vielen afrikanischen Gesellschaften vergleicht. Die wichtigste Rolle spielt das Erzählen in schriftlosen Gesellschaften.

Weil es dort die einzige Möglichkeit ist, Geschichte weiterzuvermitteln?

Einmal das: Es ist ganz erstaunlich, welch enormes Geschichtswissen zum Beispiel die westafrikanischen Griots in ihren Köpfen gespeichert haben. Das reicht bis zu sieben Jahrhunderte zurück, mit Königslisten, Regierungswechseln, besonderen Taten, der Einführung neuer Techniken und so weiter. Aber das Erzählen dient auch der Vermittlung kultureller Praktiken und Moralvorstellungen - oder einfach der Unterhaltung: Alle sitzen abends zusammen, und ein Griot trägt vor, oft übrigens in einem Singsang, der auch einen akustischen Reiz bietet. Auch wenn die Tradition langsam verschwindet: Die Griots gibt es bis heute, und die Identität der Völker hat sich lange Zeit über ihre Erzählungen gebildet. Das Wissen um die Kultur existierte halt nur im Kopf.

.. und in Objekten, wie Sie sie zum Beispiel im Ethnologischen Museum sammeln.

Ja, aber auch zur Interpretation dieser Objekte brauchen wir Informationen aus den Erzählungen: Warum zum Beispiel hat eine Figur ein bestimmtes Muster auf der Stirn? Wir haben im Museum ein Schallarchiv, in dem Erzählungen auf Tonband oder auf Video gesammelt werden. Allerdings kann man das schlecht in Vitrinen ausstellen.

Können wir als schrift- und TV/PC-fixierte Gesellschaft von diesen Erzählern etwas lernen?

Ich glaube schon: Das Erzählen hat auch heute und hier zu Lande einen hohen Reiz, weil es eine Kulturtechnik ist, die die Leute nicht vereinzelt. Beim Erzählen wird immer Wissen vermittelt, und zwar in einer sozialen Form. Die Zuhörer sitzen nicht gelangweilt in der Schule und auch nicht alleine am PC, sondern sie nehmen gemeinsam teil an einer Geschichte. Das ist ein Erlebnis, und darauf führe ich das neue Interesse am Erzählen und Vorlesen, das man beobachten kann, zurück.

Sie sind selbst noch nicht lange in Berlin.

Ja, und für mich ist es besonders interessant, wie viele Kulturen hier zusammenleben. Wir verstehen unser Museum als einen Ort der Begegnung mit anderen Kulturen. Aber in Berlin können Sie solche Begegnungen natürlich in anderer Form überall haben: ob beim libanesischen Bäcker, beim türkischen Gemüsehändler oder in der Sushi-Bar.

Das Gespräch führte Dorothee Nolte. Am Tag der Abschlussveranstaltung, beim „Erzählfest“ am 29. September haben die Teilnehmer des Wettbewerbs Gelegenheit, in den Ausstellungsräumen des Ethnologischen Museums ihre Geschichten vorzutragen. Interessierte können Sonderführungen durch das Magazin des Museums inklusive Schallarchiv gewinnen. .

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