Gesundheit : Signale des Umbruchs

Tilmann Warnecke

Cäsar vor einem gallischen Kriegsverbrechertribunal? So lächerlich diese Vorstellung für alle am "Bellum Gallicum" geschulten Ohren klingen mag: Diese Option bestand im Jahr 55 v. Chr.. Denn nachdem Cäsar in einem auch für die Antike beispiellosen Gemetzel Tausende unbewaffneter Germanen töten ließ, forderte sein römischer Gegenspieler Cato, den späteren Imperator an die Gallier auszuliefern. Catos Argument: Cäsar habe mit seiner Vorgehensweise gegen die Stämme der Usipeter und Tenkterer gegen geltendes Völkerrecht verstoßen. Um Schaden von Rom abzuwenden, müsse Cäsar dem Gegner überstellt werden. Dass Catos Forderung erfolglos blieb, ist bekannt.

An diesem Beispiel zeigte der Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Jan-Philipp Reemtsma, was die Legitimation eines solchen Kriegsverbrechens über eine Gesellschaft aussagt, von der es akzeptiert wird. "Warum erforschen Sozialwissenschaftler Kriegsverbrechen?", lautete der Titel seines Vortrags, den Reetsma am Mittwoch im Rahmen des Europäischen Journalisten Fellowships-Programms der Freien Universität Berlin hielt. Das Hamburger Institut erforscht seit Jahren das Thema Theorie und Geschichte der Gewalt - dokumentiert am prominentesten in der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht", die erst kürzlich mit überarbeiteter Konzeption in Berlin vorgestellt wurde.

Die Legitimation von Kriegsverbrechen, so Reemtsmas These, ist Indikator normativer Änderungen in einer Gesellschaft. Im Falle Cäsars stand nicht das Schicksal der germanischen Stämme zur Diskussion, sondern die innenpolitische Frage: Republik oder Alleinherrschaft? Während Cato die moralischen Werte der alten römischen Republik verteidigte, habe sich Cäsar "einer reinen Zweck- Mittel-Argumentation" bedient. Im Krieg ist danach erlaubt, was der Taktik nützt. Cäsars Strategie siegte. Der Untergang der alten Republik und letztlich der Übergang zur Monarchie war besiegelt, wenn dieser auch noch Jahre dauern sollte.

Setzt sich das "Reden vom Mittel und Zweck" eines Kriegsverbrechens durch, ist dies ein Zeichen für den Umbruch gesellschaftlicher Werte, folgerte Reemtsma. Weiteres Beispiel für die Verschiebung akzeptierter Normen: im Hundertjährigen Krieg besiegte der englische König Heinrich V. 1415 in der Schlacht von Azincourt die Franzosen. Die Schlacht mag den meisten eher durch Shakespeares Heinrich-Drama und die Verfilmung von Kenneth Brannagh bekannt sein. Weniger bekannt ist, dass Heinrich in der Schlacht die bis dahin gültige mittelalterliche Vorstellung vom adligen Ritter-Krieg durchbrach. Heinrich befahl seinen Truppen, französische Kriegsgefangene zu töten: Nur so sei der Krieg zu gewinnen. Seine Ritter weigerten sich; denn Adlige brachten keine unbewaffneten Adligen um - egal auf welcher Seite diese standen. Heinrichs Bogenschützen dagegen, die als vormalige Landstreicher oder Gelegenheitsdiebe nicht in die ständische Ordnung eingliedert waren, widersetzten sich nicht - und brachen diese feudale Gesellschaftsvorstellungen.

Dass dies nicht zwangsläufig so ablaufen muss, zeigt ein Beispiel aus der Endphase der britischen Kolonialherrschaft in Indien. 1919 ließ ein britischer General eine unbewaffnete Volksmenge in Amritsar beschießen. Hunderte Inder wurden durch das Massaker getötet. Als der Fall vor ein Militärgericht kam, standen die Engländer vor der Wahl, ob sie zur Sicherung ihrer Herrschaft zulassen sollten, was Hannah Arendt einmal " administrative massacre" genannt hat. Das Militärgericht zog die Notbremse: Der verantwortliche General wurde aus der Armee entlassen, das Verbrechen nicht legalisiert. Eine weitere Eskalation der Gewaltspirale wurde so verhindert. Die Briten besannen sich, wenn auch zögernd, auf eine Zusammenarbeit mit der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Das Ende der Kolonialherrschaft war eingeläutet.

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