Gesundheit : Sind "Moonshine-Tarife" gutes Deutsch?

Daniel D. Eckert

Linguisten diskutieren über die Gefährlichkeit von AnglizismenDaniel D. Eckert

"Mein Leben ist eine giving story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future Denken haben muss." So beschreibt die Hamburger Modeschöpferin Jil Sander das Geheimnis ihres Erfolgs. Für die einen sind englische Einsprengsel in der Rede der Ausweis von Weltläufigkeit und Modernität, für die anderen zeugt die Menge der "Angloamerikanismen" vom Niedergang des Deutschen als Kultursprache.

An kaum einer anderen sprachlichen Erscheinung scheiden sich so sehr die Geister wie am Gebrauch von Fremdwörtern. Das "Institut für Deutsche Sprache" (IDS) griff also ein heikles Themas auf mit dem Thema seiner diesjährigen Jahrestagung, die vergangene Woche in Mannheim stattfand: "Aktueller lexikalischer Wandel - Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz". Drei Tage lang diskutierten 500 Experten - Wissenschaftler, Politiker, Publizisten, Pädagogen und Vertreter der Wirtschaft - über die derzeitigen Umwälzungen im Sprachgebrauch der Deutschen. Dabei standen die Fremd- und Lehnwörter britischen und amerikanischen Ursprungs im Zentrum des Interesses. Schließlich sind sie aus vielen Bereichen unseres Lebens kaum mehr wegzudenken. Besonders verbreitet sind sie in der Sprache des Sports (biking, keeper), des Tourismus (all inclusive, non stop), des Computers (download, user), der Medien (entertainer, news), der Unternehmen (controlling, merger) und der Wissenschaft (abstract, conference). Stolze 40 Prozent aller neuen deutschen Wörter oder "Neologismen" des vergangenen Jahrzehnts wurden laut einer Studie des IDS direkt aus dem Englischen übernommen (laptop, online), weitere 20 Prozent enthalten mindestens einen englischen Bestandteil (last-minute-Urlaub). Die hohe Zahl an Fremdwörtern und die Geschwindigkeit, mit der sie sich verbreiten, mag einer der Gründe sein, warum sich nach einer kürzlich durchgeführten Umfrage des Instituts ein Viertel aller Bundesbürger Sorgen um die Zukunft ihrer Muttersprache macht.

"Überschwemmung des Deutschen"



Im Kampf gegen die "Überschwemmung" des Deutschen mit "angelsächsischem Wort- und Sprachgut" ist in letzter Zeit der "Verein zur Wahrung der Deutschen Sprache" (VWDS) in Dortmund hervorgetreten. Mit Plakaten, Straßenständen und Protestaktionen, etwa gegen das "Denglische" in der Werbung der Deutschen Telekom (CityCall, Moonshine-Tarif), wenden sich die Sprachschützer an die Öffentlichkeit und machen Stimmung gegen "überflüssige und vermeidbare Anglizismen".

Vor knapp drei Jahren gegründet, zählt der VWDS heute bereits an die 10 000 Mitglieder "von 13 bis 93 Jahren" und ist nach eigenen Angaben der am schnellsten wachsende Verein der Bundesrepublik. Wie erklärt sich dieser starke Zulauf? "Wir haben eine Ader getroffen", findet Ilona Waldera, die Pressesprecherin des VWDS. Die Leute hätten erkannt, dass es um ihre kulturelle Identität geht. Denn jeder Mensch "denkt und träumt in seiner Muttersprache." Hauptsorge der selbsternannten Sprachpfleger des VWDS ist, dass die vielen angloamerikanischen Wörter, die "unangepasst" ins Deutsche übernommen würden, den "Tiefencode" unserer Sprache beschädigten. Was genau dieser "Tiefencode" der deutschen Sprache sein soll, darauf bleiben die VWDS-Aktivisten allerdings eine klare Antwort schuldig. Ein Umstand, der vermutlich der Tatsache zuzuschreiben ist, dass im Vorstand des Vereins eher Ökonomen, Ingenieure, Techniker und Juristen vertreten sind als professionelle Linguisten, die die Strukturen der Sprache akribisch untersuchen. Jedenfalls scheint der VWDS der altmodischen Vorstellung anzuhängen, dass das Denken eines Menschen von seiner Sprache bestimmt werde. Die Kassandra-Rufe über eine Zerrütung des "Tiefencodes", die eine Verwirrung unseres Denkens und einen Verlust unserer kulturellen Eigenheiten nach sich ziehen werde, wird von den meisten Fachleuten daher als "dummes Zeugs" (wie der Potsdamer Linguist Peter Eisenberg es ausdrückte) abgetan.

Linguisten betrachten die Zunahme der Fremdwörter aus dem Englischen dagegen mit Gelassenheit. "Als Wissenschaftler müssen wir die Entwicklung der Sprache mit kühlem Blut verfolgen", betont Dieter Herberg vom IDS. Die Alarmrhetorik der Sprachbewahrer hält der Linguist für übertrieben. Immer wieder habe es Wellen von Entlehnungen aus anderen Sprachen gegeben: etwa im frühen Mittelalter aus dem Lateinischen, dann im 17. / 18. Jahrhundert aus dem Französischen und schon um 1900 aus dem Englischen. Damals veröffentlichte Hermann Dunger eine Kampfschrift "wider die Engländerei in der deutschen Sprache". Aber: Keine dieser Entlehnungswellen habe der grammatischen Struktur des Deutschen Schaden zugefügt, so Herberg, jede Sprache sei permanent in Bewegung.

Dass die "Angloamerikanismen" den Tiefencode der deutschen Sprache nicht beschädigen, zeigt sich unter anderem daran, dass Verben wie "managen" oder "designen", wiewohl englischer Abstammung, ganz regulär konjugiert werden (Ich manage, du managest, er managet, ...). Auch fremdsprachige Adjektive wie "chic" oder "tough" (hart, zäh) können ebenso gebeugt werden wie deutsche: So wäre es zumindest grammatisch unbedenklich, Angela Merkel eine toughe (oder orthographisch angepasst: eine "taffe") Frau zu nennen.

Hinter dem derzeitigen Zulauf, den die Sprachbewahrer zu verzeichnen haben, vermutet Herberg, wie viele seiner Kollegen, weltanschauliche Antriebskräfte. "Man meint den Esel und schlägt den Sack", sagt er. Der Widerstand gegen neue und fremdsprachliche Ausdrücke spiegele in Wirklichkeit ein Unbehagen mit dem rasanten gesellschaftlichen Wandel und dem technischen Fortschritt wider. Außerdem gibt er zu bedenken, dass international einheitliche Ausdrücke für ein und dieselbe Sache - von den Linguisten auch als Internationalismen bezeichnet - im Zeitalter der Globalisierung durchaus nicht negativ zu bewerten seien. Statt die jeweiligen italienischen, russischen oder japanischen Entsprechungen für "elektronische Post" zu lernen, genügt es, ein einziges kurzes Wörtchen zu kennen: e-mail.

Das Phänomen des "Purismus", also des Strebens nach sprachlicher Reinheit, in dessen Tradition der VWDS steht, ist in der deutschen Geschichte nichts Neues. Derartige Bewegungen lebten vor allem in Zeiten sozialer Umbrüche auf, so während der Befreiungskriege gegen Napoleon oder nach der Reichsgründung von 1871. Ihre Bilanz fällt freilich durchwachsen aus: Teilweise verdanken wir solchen Puristen Ausdrücke, die wir heute ganz selbstverständlich verwenden: etwa den "Fahrschein", der Anfang des vergangenen Jahrhunderts das französische "Billet" verdrängte und wahrscheinlich bald dem englischen "Ticket" Platz machen wird. Teilweise schossen sie aber übers Ziel hinaus und versuchten, längst eingebürgerte Lehnwörter durch "einheimisches Wortgut" zu ersetzen. So schlug ein Sprachreiniger des Barock allen Ernstes vor, unser Riechorgan statt "Nase", das auf lateinisch nasus zurückgeht, lieber gut teutsch "Gesichtserker" zu nennen.Mehr zum Thema Sprache im Internet

Institut für Deutsche Sprache http://www.ids-mannheim.de

Verein zur Wahrung der deutschen Sprache e.V.

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