Gesundheit : Singen gegen das Lampenfieber

INGO BACH

Der 26.Bundeswettbewerb Gesang in der Hochschule der Künste geht in die FinalrundeVON INGO BACHDas Lampenfieber sitzt als fetter schwarzer Kater auf der Bühne und läßt die potentiellen Opfer nicht aus den Augen - ihm gleich tun es die Jurymitglieder im Parkett des Konzertsaals der Hochschule der Künste.Allerdings ist ihre Intention eine andere: sie suchen die jungen Gesangs-Talente, die es wert sind, gefördert zu werden. Am gestrigen Montag ging der 26.Bundeswettbewerb Gesang in die Finalrunde.Fünf Tage lang mühen sich nun die 58 Teilnehmer, die Juroren - unter ihnen solche Showgrößen wie Dagmar Frederic und der Intendant des Theaters des Westens, Helmut Baumann - von ihren besonderen Fähigkeiten zu überzeugen.Der Weizen, der in vier bundesweiten Vorentscheiden von der Spreu unter den insgesamt 157 Teilnehmern getrennt wurde, könnte gleichzeitig der Samen für die Zukunft des deutschen Musical-Theaters sein.Die Teilnehmer sind gerade mal zwischen 16 und 28 Jahren alt.Mit ihrer Hilfe soll die bisherige Übermacht der englischsprachigen Musical-Künstler gebrochen werden.Das zumindest hofft die Geschäftsführerin des Wettbewerbes, Marianne Arnold."Die Kunsthochschulen haben inzwischen das aufgeriffen, was wir mit dem jährlichen Gesangswettbewerb auf den Weg bringen wollten: Musical- und Chanson-Talente früh zu fördern." Eines dieser jungen Talente ist Marc Seitz Musical-Student an der Berliner HdK.Mit seinen 22 Jahren ist er zum zweitenmal dabei.Die erste Teilnahme bescherte ihm 1996 die Aufnahme an die HdK, die zweite soll den Karrierestart ermöglichen.Der schwarze Kater läßt ihn bei den Startvorbereitungen anscheinend kalt.Seitz steppt über die Bretter, obwohl statt des Klack-Klack-Klack nur ein Quietschen zu hören ist.Derweil erklärt er singend: "Sonst habe ich an dieser Stelle Steppschuhe an." Das Publikum dankt es ihm mit Gelächter und Applaus. So glücklich trifft es einen anderen Teilnehmer nicht.Ihm springt der Kater ins Kreuz und läßt ihn nicht mehr los.Zu steif, singt er sein Repertoire herunter.Trotzdem bekommt er Applaus - die scharfen Krallen des Lampenfiebers kennen auch seine Zuhörer.Dagmar Frederic, seit 32 Jahren eine Größe im deutschen Show-Biz, erinnert sich gut an ihre ersten Castings: "Ich fühle ganz genau mit, was die da vorne durchmachen." Wie kam sie damit klar? "Mit Disziplin! Davon braucht man für diesen Beruf viel mehr, als für jeden anderen." Daß man auch schon mit 20 über diese Disziplin verfügen kann, wird spätestens in dem Augenblick klar, als eine der Teilnehmerinnen einen gekonnten Striptease auf der Bühne beginnt und plötzlich der blaue Gips am linken Unterschenkel zum Vorschein kommt.Trotzdem gibt Vera Bolten alles, robbt sogar auf allen Vieren über die Bühne.Denn es geht um sehr viel mehr, als nur die Siegprämien in Höhe von insgesamt 84 000 Mark."Wir laden jedes Mal auch Vertreter von Theater und Fernsehen ein", sagt Geschäftsführerin Arnold.So manches Talent sei in der Vergangenheit direkt von der HdK-Bühne weg von einem großen Theater engagiert worden. Und davon träumen wohl alle Teilnehmer.Nicht alle werden gleich erfolgreich sein, manche vielleicht sogar zu hören bekommen, daß sie sich besser ein anderes Lebensziel setzen sollten.Alles andere wäre unfair, ist sich Jurymitglied Peter Lund, künstlerischer Leiter an der Neuköllner Oper, sicher."Für einen Künstler, der ständig an zu enge Grenzen seines Könnens stößt, ist das Theater die Hölle." Und ein letzter Tip vom Profi.Dagmar Frederic, die mit Helmut Baumann das Konzert der Preisträger am kommenden Montag im Theater des Westens präsentieren wird, sagt: "Man muß bei jedem Auftritt das Beste geben." Aber der fette Kater, der wird ein Künstlerleben lang auf der Bühne hocken bleiben. Halbfinale und Finale sind öffentlich und laufen noch bis zum 21.November täglich ab 10 Uhr im Konzertsaal der HdK, Eingang Fasanenstraße 1B.Das Abschlußkonzert der Preisträger findet am 24.November um 20 Uhr im Theater des Westens statt.

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