Gesundheit : Sinkende Lebenserwartung, Selbstmord und wenig Nachwuchs - die Lehrer unterrichten ein Kind pro Klasse

Elke Windisch

Der Jahresbericht des russischen Amtes für Statistik liest sich wie das Szenario für einen Horrorfilm: Seit dem Ende der Sowjetunion im Dezember 1991 ging die Bevölkerung Russlands um insgesamt über fünf Millionen Menschen zurück und betrug am 1. Januar 2000 nur noch 145,4 Millionen.

Russland, so heißt es in dem Bericht weiter, habe momentan sowohl bei Kindern als auch in mittleren Altersgruppen die mit Abstand höchste Sterblichkeit in Europa. Besonders alarmierend ist ein drastischer Anstieg der Todesfälle in den so genannten "besten Jahren" sowie der Selbstmorde, vor allem bei Männern um die Vierzig und Familienvätern, die Offiziere sind. Drastisch gestiegen ist auch die Anzahl der Unfalltoten sowie der Opfer von Infarkten, Schlaganfällen und Diabetes.

Allein in den letzten sieben Jahren ging die durchschnittliche Lebenserwartung von 66 auf 60 Jahre zurück. In einigen Regionen liegt sie noch niedriger. In Tuwa beispielsweise, einer nationalen Teilrepublik an der Grenze zur Mongolei beträgt sie ganze 49 Jahre. Experten der russischen Akademie der Wissenschaften warnen bereits: Wenn der Trend anhält, wird sich das Leben der Durchschnittsrussen schon Mitte des Jahrhunderts um weitere 12 Jahre verkürzen.

Gleichzeitig sinkt die Geburtenrate von Jahr zu Jahr. In 65 von insgesamt 89 Verwaltungseinheiten der Russischen Föderation liegt die Sterblichkeit weit über der Geburtenrate. Tendenz fallend: 1999 wurden landesweit etwa 1,2 Millionen Geburten registriert. Da gleichzeitig jedoch rund 2,14 Millionen starben, verringerte sich die Bevölkerung allein im letzten Jahr um 924 500 Menschen, 1998 um 705 400. Geburtenüberschüsse verzeichnen nur die nationalen Republiken mit nichtrussischer, überwiegend muslimischer Bevölkerung.

Experten nennen das Phänomen "russisches Kreuz". Über die Ursachen sind sich Medien, Demographen und Sozialwissenschaftler weitgehend einig: Politische Instabilität und wirtschaftliche Probleme sorgen dafür, dass Paare sich zehnmal überlegen, ob sie ein Kind großziehen. Nach zwei Kaukasuskriegen in weniger als einem Jahrzehnt, unzähligen schwelenden Konflikten, hoher Arbeitslosigkeit, nicht mehr bezahlbarer medizinischer Versorgung und periodisch wiederkehrenden schwarzen Tagen an der Moskauer Devisenbörse hat sich die Masse der Bevölkerung stillschweigend darauf geeinigt, dass Russland ein Land ist, in dem man nicht krank werden und schon gar nicht gebären darf.

Nicht nur in den karelischen Wäldern an der Grenze zu Finnland, auch in vielen Dorfschulen im fruchtbaren Schwarzerdegebiet in Südrussland unterrichten Lehrer in den unteren Klassen nur einen einzigen Schüler. Statistisch gesehen, bringen gegenwärtig in Russland, wo offiziell ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, zehn Frauen durchschnittlich nur noch zwölf Kinder zur Welt. Zur einfachen Reproduktion indessen müssten zehn Paare mindestens 20 Kinder haben. Das Kindergeld - so es gezahlt wird - beträgt 53 Rubel monatlich (etwa 3,50 Mark) und ist neben Renten häufig die einzige Einnahmequelle für einen ganzen Familienverband. Wenn der immer wieder versprochene Umbau der Gesellschaft nicht endlich greift und vor allem sozial verträglich gestaltet wird, höhnt sogar die eher moderate "Iswestija", werde es "in Russland bald niemanden mehr geben, mit dem sich die Reformen verwirklichen lassen". Anlass zur Sorge geben auch die Warteschlangen vor den Konsulaten klassischer Einwanderungsländer wie Kanada oder Australien. Rubelabwertung und Bankencrash im August 1998 sorgten für für einen neuen Rekord: Allein 1999 packten 390 000 Russen ihre Koffer für immer. Die meisten davon hoch qualifiziert und im "besten Alter".

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