Gesundheit : Sir Simon Rattles spannendes Spiel mit Studenten

Michael Vrzal

Wie klingt ein bananenförmiger Ton? Simon Rattle jedenfalls liebt ihn. „I love these banana-shaped notes“, schwärmt der Dirigent und malt dazu mit dem Taktstock einen Bogen in die Luft. Während das Publikum noch schmunzelt, gibt Rattle schon den nächsten Auftakt, und der frugale Exkurs wird Klang. Tatsächlich haben jetzt die Noten mehr Spannung – Metapher angenommen.

Das Orchester der Universität der Künste Berlin (UdK) lud am Sonntag zum öffentlichen Workshop in den Konzertsaal an der Hardenbergstraße. Für die Dauer einer Orchesterprobe ließ sich Sir Simon in die Trickkiste schauen. Mit den Studierenden arbeitete er an Ludwig van Beethovens Leonoren-Ouvertüre. Resultat des Projekts: Ein bestens unterhaltenes Publikum und an die 80 zu Höchstform aufgelaufene Nachwuchsmusiker.

Wenn ein Besessener wie Rattle auf junge, talentierte Musiker trifft, schmelzen zweieinhalb Stunden Probe zu einem Augenblick zusammen. Die Präsenz des Maestros treibt die Orchestermitglieder ohnehin an die Stuhlkante. Rattle steht raubtierhaft gebeugt mit blitzenden Augen auf dem Podest und verliert dabei nie sein schalkhaftes Grinsen. „Can you make Spannung?“ Darum dreht sich alles, auch um Klangfülle und Dynamik, aber immer im Interesse der Spannung. Immer wieder macht er bildhaft deutlich, was er will. Etwa mit Blick zu den vier Hörnern: „Spielen Sie das nicht so leicht, mehr wie Marlon Brando.“ Heiterkeit im Saal – aber alle haben begriffen.

Rattles Energie überträgt sich auch auf das Publikum. Es hört konzentriert zu, saugt kaum weniger begierig als die Musiker die oft launigen, aber immer treffenden Spielanweisungen und Kommentare auf. Zum Abschluss erklingt die Beethoven-Ouvertüre noch einmal als Ganzes. Das Orchester ist nicht wiederzuerkennen, sein Spiel hat dramatisch an Präzision, Ausdruckskraft und dynamischer Bandbreite gewonnen. Ohnehin hat das ausgezeichnet reagierende Ensemble einen gewaltigen Anteil am Endergebnis. Rattle zeigt sich beeindruckt. Doch wie warnte er während der Probe? „Expect danger with conductors. Always!“ Mit Vergnügen, Sir Simon.

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