Gesundheit : Soja oder Touristen?: Eine Wasserstraße gefährdet das größte Feuchtgebiet der Erde

Roland Knauer

Das Pantanal atmet in Rhythmus des Wassers. In der Regenzeit von Dezember bis März überschwemmt drei mal mehr Regen als während eines ganzen Jahres auf Deutschland fällt das größte Sumpfgebiet der Erde. Auf einer Fläche von 210 000 Quadratkilometern saugt das Pantanal zwischen Brasilien, Paraguay und Bolivien wie ein gigantischer Schwamm Wasser auf und verhindert so Überschwemmungen bis hinunter nach Buenos Aires. Ein halbes Jahr dauert es, bis eine Hälfte des gesammelten Wassers wieder abfließt. Die zweite Hälfte verdunstet es unter der heißen Tropensonne und sorgt für das typische feuchte Klima.

Aus vier Klimazonen stammen die Tiere und Pflanzen, die sich im Pantanal an solche extremen Bedingungen angepasst haben: Sie kommen aus dem Amazonas-Regenwald im Norden, aus den Cerrado und Chaco genannten Savannen und Steppen im Westen und Süden und aus dem Küstenregenwald, der Mata Atlantica im Osten. 1755 Pflanzen-, 656 Vogel-, mehr als tausend Schmetterlings- und 263 Fischarten haben Biologen im Pantanal gezählt. Riesenotter und Wasserschweine sind in den Flüssen zuhause, Hyazinth-Aras und der Jabiru, einer der größten Störche der Welt, leben hier. Nur der Mensch ist recht selten - auf jeden einzelnen der vierzigtausend Siedler kommen vierzig Kaimane.

Bisher hat der Mensch direkt den Naturhaushalt kaum beeinträchtigt, da sich die Siedler auf eine sehr naturnahe Viehwirtschaft beschränkt haben. Von außen aber gefährden riesige Rodungen für den Sojaanbau und die intensive Viehzucht das Pantanal: Die starken Regengüsse schwemmen von dort den Boden in das Sumpfgebiet und ersticken Flüsse und Auen im Schlamm. Der Taquari-Fluss ist bereits so stark angestaut, dass er sein Bett das ganze Jahr verlassen hat und mit mehr als elftausend Quadratkilometern eine Fläche überschwemmt, die fast so groß wie Schleswig-Holstein ist.

Quecksilber aus dem Goldabbau vergiftet zunehmend die Fische im Sumpf. Immer mehr Flächen im Pantanal werden von Siedlern eingedeicht, die unter massiven Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln Soja anbauen. Diese Feldfrucht dient anschließend dazu, Vieh in Europa zu mästen.

Obendrein gefährdet ein gigantisches Wasserstraßen-Projekt das Gebiet. 3440 Kilometer lang soll die "Hydrovia Parayuay-Parana" werden. In den Häfen entlang dieser Wasserstraße sollen Soja, Eisen- und Mangan-Erze verladen werden, der Kanal selbst soll das Pantanal entwässern und damit dem größten Sumpf der Erde trockenlegen. Das einmalige Biosystem des Pantanal wird dieses von der Europäischen Union geförderte Projekt dabei sicher zerstören - während die EU gleichzeitig die Einrichtung von Naturparks unterstützt, die eben diese Natur schützen soll.

Naturschutzorganisationen wie der World Wide Fund for Nature WWF leisten erbitterten Widerstand gegen das Projekt. Nach ihren Berechnungen würde auch die Bevölkerung dabei verlieren, da eine Zerstörung der Natur gleichzeitig den boomenden Ökotourismus zusammenbrechen lassen würde, der dem Pantanal bereits den Platz Zwei unter den Tourismusregionen Brasiliens gesichert hat. Die Naturreisenden sichern den Menschen dort drei mal mehr Einkommen und schaffen doppelt so viele Arbeitsplätze wie der Anbau von Soja, zeigt eine Studie. Es sind also auch wirtschaftliche Gründe, aus denen der WWF das Pantanal auf der Expo 2000 als eine der Global 200-Regionen auf der Welt vorstellt, die für das Biotop Erde unentbehrlich sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben