Gesundheit : Solidarisch mit dem Kuschelstreik

Humboldt-Soziologen befragen Berliner zu Studentenprotesten

Tilmann Warnecke

Konstruktiv streiken!, feuern die protestierenden Studenten sich stets gegenseitig an. Die Soziologen der Humboldt-Universität machen jetzt vor, wie man Forschung und Protest besonders gelungen verbindet: Sie bringen die erste wissenschaftliche Untersuchung zum Ausstand 2003 heraus. Wie finden Sie den Uni-Streik?, fragten sie in einer Blitz-Umfrage zwischen dem 4. und 8. Dezember. Das Ergebnis: Die Berliner sind begeistert von ihren Studenten. Fast neunzig Prozent stehen hinter dem Protest. Und das fast unabhängig von Alter und Bildungsstand. Selbst die Rentner applaudieren den akademischen Enkeln – offenbar unter dem Eindruck der kreativen und fast durchweg friedlichen Protestformen.

Die Befragung führten Studenten eines Proseminars für empirische Sozialforschung durch. Das sollte durch den Streik eigentlich boykottiert werden, aber Dozent Bodo Lippl einigte sich mit den Studierenden auf einen Kompromiss: die Befragung der Berliner, die schließlich zu den Adressaten der Proteste gehören. „So können wir gleichzeitig mit Praxisbezug den Stoff nachholen und den Streik unterstützen“, warb Lippl. Binnen einer Woche war ein Fragebogen entworfen. Dann schwärmten die Studenten in alle Bezirke aus. Dort löcherten sie jeden zehnten Passanten – das Zufallsprinzip war somit gewahrt. Insgesamt 350 Fragebögen werteten die Studierenden aus. „Wissenschaftlich ziemlich gelungen“ findet Lippl das Ergebnis.

Rund 84 Prozent unterstützen die Forderung der Studenten, die geplanten Kürzungen im Hochschulbereich zurückzunehmen. Und 87 Prozent finden, dass der Senat die Studienbedingungen verbessern sollte. Als die Befragten Einsparungen bei Bildung, Arbeitslosen, Rente und Gesundheit gegeneinander abwägen sollten, waren zwei Drittel der Meinung, dass an den Unis zu viel gespart wird. Von U-Bahn-Seminaren über das Verkaufen von Studienplätzchen bis hin zu Besetzungen: Alle Protestformen erfreuen die Mehrheit der Berliner. 94 Prozent unterstützen Demonstrationen, 81 Prozent Vorlesungen auf öffentlichen Plätzen, und immerhin 61 Prozent die friedliche Besetzung öffentlicher Gebäude. Ob die Berliner auch die in den Medien heftig beklagte Kürzung der Weihnachtsbaumspitze vor dem Roten Rathaus begrüßen, untersuchten die angehenden Soziologen leider nicht.

Ein Mollakkord mischt sich allerdings in das Loblied der Berliner: Nur jeder zweite denkt, dass die Proteste etwas bewegen können. Und selbst 40 Prozent der befragen Studenten glauben, dass der Protest wirkungslos verpuffen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben