Gesundheit : Sonderforschung: Suche nach großen Themen

Ingo Bach

Natürlich hatte man versucht, mit allgemeinverständlichen Themen zu punkten. Schließlich wollten sich die geisteswissenschaftlichen Sonderforschungsbereiche erstmals einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren und aus dem Schatten der Naturwissenschaften heraustreten. So gab es auf der Tagung "Kultur und Wissen" in der Staatsbibliothek durchaus das eine oder andere Bonmot zu hören. Literatur zum Beispiel wurde in der Kurzpräsentation des Sonderforschungsbereiches "Literatur und Anthropologie" zum "Heimtrainer für ungenutzte Möglichkeiten". Der Literaturwissenschaftler Ulrich Gaier von der Universität Konstanz hat beoabachtet: Beim Lesen von Literatur übt der Mensch spielerisch seine Fähigkeiten. "Fesselnde Erzählungen stimulieren in unserem Gehirn dieselben Areale, die durch das reale Erleben angesprochen würden", sagte Gaier. Literatur werde somit zu einer Bühne für Inszenierungen.

Ganz anderen Inszenierungen widmet sich der Sonderforschungsbereich "Kulturelle und sprachliche Kontakte". Wie reagieren Kulturen, die mit anderen in Kontakt geraten? Manche öffnen sich und integrieren die neuen Erfahrungen in ihre eigene Kultur, andere verschließen sich, kapseln sich betont ab. Und wieder andere entwickeln ein ausgeklügeltes System des Umgangs miteinander, eine Kontaktkultur. Mit diesem Thema beschäftigt sich Walter Bisang (Mainz). Er und seine Forschergruppe haben den interkulturellen Verkehr in einer abgelegenen Gegend Äthiopiens untersucht. "Hier findet man auf engstem Raum verschiedene Völker, verschiedene Sprachen und verschiedene Kulturen". Diese Stämme sind etwa gleich stark, und weil ihr Lebensraum sehr karg ist, geraten sie immer wieder aneinander im Kampf um die knappen Ressourcen. "Die Stämme sind gezwungen, Kontaktformen und Konfliktlösungen zu entwickeln."

Da nur wenige Bewohner der Gegend mehrere Sprachen beherrschen, läuft der Kontakt über nonverbale Kommunikation. Die Brücke, über die die friedenswilligen Stämme zueinander finden, ist das Ritual. "Der Friedensschluss umfasst drei Schritte", fand Bisang heraus. Im ersten Schritt werden Waffen - meist Speere - unbrauchbar gemacht. Vertreter der Gruppen stumpfen die Speerspitzen ab, bevor man die Holzwaffen neben einer Termitenburg ablegt, wo die Insekten die Waffen vollständig zerstören. Dann werden Holzruten mit Butter eingerieben. Als Fruchtbarkeitszeichen sollen sie Glück bringen. Und schließlich tauschen die ehemaligen Feinde in einem dritten Schritt ihre rituellen Zeichen - verschieden geformte Stäbe - aus. Das ist das Zeichen ewigen Friedens. Bisangs Forschergruppe geht dabei einer spannenden Frage nach: Wie viel muss man von einer fremden Kultur wissen, um mit ihr in Kontakt treten zu können?

Eine nützliche Frage auch für die Geisteswissenschaftler. Denn sie stehen in einem schwierigen "Kulturkontakt", bei dem die beteiligten Seiten wenig übereinander wissen: dem Dialog zwischen Human- und Naturwissenschaften. Diese wichtige Form des Dialoges wurde auf der die Tagung abschließenden Podiumsdiskussion beschworen. "Nur wenn man sich themengebundenen gemeinsamen Fragen stellt, ist man motiviert, die Disziplingrenzen zu überwinden", sagte Angela Friederici, Direktorin des Max-Planck-Institutes für Neuropsychologische Forschung in Leipzig. "Aber das kostet viel Energie." Dass man dabei auch von einer gewissen Arroganz ablassen muss - Geisteswissenschaftler reklamieren gern die Deutungskompetenz des menschlichen Daseins für sich -, darauf wies Sabine Etzold, Bildungsredakteurin von der "Zeit" hin. Die Journalistin gab den Wissenschaftlern zu bedenken: "Das interessiert die Öffentlichkeit nicht. Am besten forschen Sie einfach und lassen die Gesellschaft entscheiden, was sie wichtig findet."

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