Gesundheit : Sonniges Studium

Studieren, wo andere Urlaub machen: Immer mehr Deutsche zieht es nach Australien

Florian Bauer

„Wenn du auf die Skyline von Sydney schaust, fühlst du dich wie im Urlaub“, sagt Eckard Bicker. Der Deutsche sitzt im Vorhof der Wirtschaftsfakultät an Australiens ältester Hochschule, der University of Sydney. Direkt gegenüber im Computerpool ist ein Gerät für ihn reserviert, die nächste Klausur muss vorbereitet werden. Die Freizeit ist knapp. Und doch kommen viele Studierende aus aller Welt hierhin, weil sie – wie Bicker – Sonne, lange Strände und Exotik suchen.

Auch deshalb haben sich Australiens Hochschulen in den vergangenen Jahren zu einem internationalen Schlager entwickelt. Bildung spielt inzwischen eine größere wirtschaftliche Rolle als Rindfleisch, Wolle oder Weizen. Auch unter deutschen Studenten ist Australien kein Geheimtipp mehr. Im Jahr 2003 waren nach Angaben der australischen Regierung 3603 Deutsche an australischen Hochschulen eingeschrieben, 28 Prozent mehr als im Jahr davor. Der Anteil aller Studierenden aus dem Ausland stieg im gleichen Zeitraum um „nur“ 15 Prozent an. Jeder fünfte Student Australiens ist Ausländer.

Das ist Australien nur Recht. Die 39 australischen Universitäten (davon zwei private) werben auf Ausbildungsmessen oder präsentieren sich auf Seminaren. Ihre Marketingaktivitäten sind so professionell und zielstrebig, wie man es in Deutschland nur von großen Unternehmen gewohnt ist. Und der Erfolg ist überprüfbar. „Ich wollte ins englischsprachige Ausland, die Studiengebühren in den USA waren mir aber zu teuer“, sagt Bicker. Zudem kann er sich alle Kurse für sein BWL-Studium in Münster anrechnen lassen und verliert somit kein Semester durch den Auslandsaufenthalt. Aus der anfänglichen Idee, aus Australien nicht nur Scheine, sondern zumindest den Abschluss „Graduate Diploma“ mitzunehmen, hat sich nun sogar die Möglichkeit ergeben, in einem Jahr den „Master of commerce“ zu erhalten.

Grundsätzlich gilt das Studium in Australien als praxisorientierter, teilweise als verschulter und deshalb in manchen Fächern auch als einfacher. Universitäre Anforderungen konzentrieren sich nicht wie in vielen deutschen Studiengängen auf Klausuren am Ende des Semesters. In die Zensuren fließen Präsentationen, Einzel- und Gruppenarbeiten in Tutorien und mehrere Prüfungen während des Semesters ein. Die meisten deutschen Studenten wählen Australien für ein oder zwei Semester als „study-abroad“-Programm ohne das Ziel, einen bestimmten Abschluss zu erhalten. Wenn ein Abkommen zwischen einer deutschen und einer australischen Hochschule besteht, entfallen die Studiengebühren.

Henrik Tippkemper hingegen hat sich für ein Aufbaustudium entschieden. Der 26-Jährige strebt an der University of New South Wales den Master of Science an. Der Campus einer der größten Universitäten Australiens liegt im Südosten Sydneys, gar nicht weit entfernt vom weltbekannten Bondi Beach. Über 40000 studieren hier. 20 Minuten dauert die Busfahrt von der Innenstadt. Der Campus ist so groß wie 55 Fußballfelder. Die Gebäude entlang der breiten Allee, die langsam den Hügel zum Hauptgebäude emporsteigt, tragen Namen wie „The Scientia“. Die Wissenschaft soll hier zu Hause sein, und tatsächlich gilt die Ju-en-es-dabble-ju, wie sie wegen ihrer Abkürzung UNSW überall nur heißt, international als eine der bekanntesten Universitäten.

Oben auf dem Hügel neben der Bibliothek veranstaltet die griechische Gesellschaft gerade eines der für Australien so typischen BBQs und grillt Hamburger. An australischen Universitäten gibt es für alle erdenklichen Gruppen eine „society“. Die Felsenkletterer haben eine, die Surfer oder eben die Griechen. Und jeder Student ist in mindestens einer davon Mitglied.

Henrik Tippkemper sitzt mit Sonnenbrille und hochgekrempelten Hemdsärmeln auf dem Rasen vor der Bibliothek. Jeden Mittag um Punkt ein Uhr trifft er hier mit Iren, Pakistanis, Iranern und Irakern, Amerikanern und Freunden aus Singapur – die meisten studieren internationale Beziehungen – und diskutiert zwei Stunden über weltpolitische Themen. „Es ist so faszinierend, wie die Welt zusammenwächst“, sagt Tippkemper. Die UNSW hat einen der höchsten Ausländeranteile aller australischen Universitäten. Vor allem im postgraduierten Bereich macht sich das bemerkbar, da die Mehrheit der Australier nach dem Bachelor direkt in den Beruf einsteigt und nur wenige im Gegensatz zu ausländischen Studenten einen Master anstreben. Australien ist auch wegen des vielfältigen Studienangebots bei Ausländern beliebt. Kurse wie Fotografie, Sportmanagement, Film oder Human Resources klingen außergewöhnlich und werden immer beliebter.

„Früher hatten viele deutsche Studenten Hemmungen, ins Ausland zu gehen. Doch jetzt merken auch die, dass in Deutschland einfach der Horizont für manche Vorhaben fehlt“, sagt Michael Rosemann, Direktor des Zentrums für IT-Innovation, das zur Queensland University of Technology (QUT) in Brisbane gehört. Immer wieder fragen ihn Studenten aus Deutschland, ob sie mal ein Semester an der QUT studieren könnten, an Projekten mitarbeiten oder ihre Diplomarbeit bei ihm schreiben dürften. Vor allem die Idee mit der Diplomarbeit ist für viele interessant, weil sie dafür nicht an der QUT eingeschrieben sein müssen und somit auch nicht die etwa 6500 Dollar Studiengebühren pro Semester bezahlen müssen. Im Durchschnitt kostet ein Semester an Australiens Universitäten 7500 Dollar, etwa 4100 Euro. Im Vergleich zu amerikanischen Universitäten sehen viele Studenten das noch als günstig an.

Boris Ruf hat sein Auslandssemester durch das Auslandsbafög finanziert. Da die Anrechnung von eigenem Vermögen oder jenem der Eltern großzügiger ausgelegt wird als beim Inlandsbafög, kommen auch mehr Studenten in den Finanzierungsgenuss. Eine Bewerbung lohnt immer. Positiv: Die Zuzahlung zu den Studiengebühren und zum Lebensunterhalt ist kein Darlehen und muss nicht zurückgezahlt werden. Neben den australischen Universitäten bietet insbesondere der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) Stipendien an.

Auch bei der Bewerbung hat der Potsdamer Unterstützung bekommen. Mehrere Institute in Deutschland haben sich darauf spezialisiert, Studenten bei ihren Bewerbungen an australischen Hochschulen zu helfen. Bewerbungen sind auch sehr kurzfristig möglich. Boris Ruf hat seine nicht bereut.

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