Gesundheit : Sorgfalt

Von Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität

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Als Egon Eiermann 1957 den Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gewonnen hatte, brach eine harte öffentliche Debatte aus. Sie endete mit einer erheblichen Modifikation der ursprünglichen Planung; so wurde beispielsweise die Ruine des Turms gegen die ursprünglichen Absichten des Architekten erhalten und erinnert bis auf den heutigen Tag an die Verwüstungen des Krieges. Die öffentlichen Auseinandersetzungen um den Wiederaufbau wurden vor allem über die Zeitungen ausgetragen. Und angesichts der oft sehr polemischen Presseberichterstattung wurde Eiermann gelegentlich gefragt, wie er das wohl aushalten könne. Da soll der Architekt, der bei Hans Poelzig an der Technischen Hochschule in Berlin-Charlottenburg studiert hatte und die Verhältnisse der Stadt recht gut kannte, geantwortet haben: „Man muss ja schon ganz dankbar sein, wenn der Name Eiermann in der Zeitung richtig geschrieben wird.“

Mir fällt dieser Satz Eiermanns, seit ich Präsident einer Universität geworden bin, immer wieder einmal ein. Beispielsweise dann, wenn ich in Zeitungen Berichte über Sitzungen lese, an denen ich teilgenommen habe. Ich erkenne den Verlauf der Sitzung im Bericht überhaupt nicht wieder und denke dann bei mir: „Man muss ja schon ganz dankbar sein, wenn die Namen der beteiligten Personen richtig geschrieben werden.“ Insbesondere die Wissenschaftspolitik wird heute von manchen Journalisten nach den Gesetzen des Boulevards präsentiert, und das geht dann auf Kosten der Sorgfalt. Freilich gilt hier: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Sorgfalt ist das Erkennungszeichen einer exzellenten Universität. Hier werden wissenschaftliche Ergebnisse mit präziser Sorgfalt erarbeitet und präsentiert, sorgfältig bis in die Fußnoten. Hier werden vor allem Studierende sorgfältig ausgebildet.

Es ist kein Zeichen von verstaubtem Kulturpessimismus, wenn man sich um solche Sorgfalt im Bereich des Wissenschaftsjournalismus und der Wissenschaft gegenwärtig besondere Sorgen macht. Im Rahmen der leistungsgesteuerten Mittelvergabe zählt zunächst einmal Schnelligkeit und Menge, weniger die Sorgfalt, mit der ein Wissenschaftler arbeitet. Und in einer Umfrage ist jüngst festgestellt worden, dass nur 24 Prozent der Studierenden der Humboldt-Universität das Sprechstundenangebot ihrer Professoren gut und besser finden (vergleichbare Zahlen gelten für die Bewertung der Betreuung insgesamt). An dieser Stelle muss deutlich nachgebessert werden, nicht nur an einer einzelnen Berliner Universität. Also lohnt es sich, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Sorgfalt eine Sache von Wert ist.

Der Autor ist Kirchenhistoriker und schreibt an dieser Stelle jeden zweiten Montag über Werte, Wörter und was uns wichtig sein sollte.

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