Gesundheit : Soziale Härten

Wie sollen Studenten Gebühren finanzieren? Mehr Stipendien gibt es vorerst nicht

Amory Burchard

Studiengebühren sollen sozialverträglich sein. Bevor nicht Darlehens- und Stipendiensysteme stehen, wollen sie keine Gebühren erheben, betonen die Wissenschaftsminister der unionsregierten Länder. Bundesweite elternunabhängige, zinsgünstige Kredite, mit denen Studenten Gebühren vorfinanzieren könnten, gibt es bislang nicht. Bleibt die Hoffnung auf Stipendien, die den finanziellen Druck auf die Studenten abfangen.

Hoffnungsträger sind die bundesweit elf Begabtenförderungswerke, darunter die Studienstiftung des Deutschen Volkes und parteinahe Stiftungen wie die Heinrich-Böll-Stiftung. Sie fördern bislang zwar erst knapp zwei Prozent der rund zwei Millionen Studierenden, drängen aber schon lange darauf, ihre Programme ausweiten zu können – unabhängig von der Diskussion um Studiengebühren. Das Problem: Diese Stipendiengeber finanzieren sich größtenteils aus Bundesmitteln. 50 Millionen Euro für die Studienförderung überweist das Bundeswissenschaftsministeriums jährlich an die Stiftungen. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir vom Bund mehr Geld bekommen, um die sozialen Härten von Studiengebühren abzufedern“, sagt Hans-Peter Niedermeier von der Hanns-Seidel-Stiftung (München). Auch bei anderen Stipendiengebern heißt es: Von Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), einer vehementen Verfechterin des gebührenfreien Erststudiums, sei keine Hilfe zu erwarten. Tatsächlich hat Bulmahn nach ihrer Niederlage in Karlsruhe betont, für die soziale Abfederung seien allein die Länder verantwortlich, die Gebühren erheben wollten.

Ist also das von Baden-Württemberg, Hamburg, Niedersachsen und Bayern beschworene Stipendiensystem ebenso wenig greifbar wie das bundesweite Kreditsystem für Studenten? Das Studiendarlehen, das die KfW-Bankengruppe zum Wintersemester starten will, soll zu fünf Prozent verzinst sein. Ein günstigerer Satz wäre nur möglich, wenn der Bund die Kredite stützen würde – was Bulmahn ebenfalls ablehnt.

„Auch die Wirtschaft wird sich engagieren“, kündigt Hans-Jürgen Brackmann an, Generalsekretär des Studienförderwerks Klaus Murrmann. Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft kann schon heute zusätzlich zu ihren vom Bund geförderten Begabtenstipendien zwanzig Unternehmensstipendien unter anderem von Ferrero und VW anbieten. Die Stiftung sei bereit, diesen Bereich auszuweiten, es gebe „positive Signale“ aus der Wirtschaft.

Gemessen an dem politischen Anspruch, Gebühren nur einzuführen, wenn es ausreichend Stipendien für besonders Begabte und für sozial Benachteiligte gibt, sind die Signale noch schwach. „Wenn Studienbeiträge tatsächlich zur Qualitätsverbesserung an den Hochschulen beitragen, wird es für die Unternehmen weitaus attraktiver als bisher, gezielt Studenten zu unterstützen“, sagt Christoph Anz, stellvertretender Leiter der Bildungsabteilung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Zunächst wollten die Unternehmen aber „konkret verbesserte Studienbedingungen“ sehen. Die BDA hoffe, dass sich die Hochschulen jetzt in einem Wettbewerb um Stipendiengeber engagierten: Sie könnten hervorragende Studenten mit exzellenter Qualität der Lehre anwerben, von ihnen Gebühren verlangen – und dann auf die Unternehmen zugehen, die sie fördern sollen. Denkbar sei es aber auch, weitere Stipendien über das Studienförderwerk Klaus Murrmann zu vergeben. Außerdem könnten Unternehmen besonders interessante Absolventen an sich binden, indem sie deren Darlehensschulden übernähmen, sagt Anz.

Die Arbeitgeber wollen mittelfristig nicht nur Studenten wirtschaftsrelevanter Fächer fördern. Auch Studenten geisteswissenschaftlicher Fakultäten hätten gute Chancen – wenn diese ihr Studium mehr als bisher „an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes ausrichten“. Potenzieller Partner für ein Unternehmen könnte etwa ein Sinologie-Studiengang sein, der die Studenten auf den sensiblen chinesischen Markt vorbereitet, sagt Anz.

Eines könne die deutsche Wirtschaft aber nicht leisten: eine flächendeckende finanzielle Absicherung der Studenten. Die BDA setzt sich für ein „Ausbildungsbudget“ von 15000 Euro ein, das jeder Student elternunabhängig erhalten soll und nicht zurückzahlen muss. Zusätzlich solle die KfW-Förderbank vom Bund gestützte Darlehen anbieten, mit denen die Studenten Lebenshaltungskosten und Studiengebühren voll abdecken können, und die sie nach dem Studium zurückzahlen sollen. Dieses Modell will BDA-Präsident Dieter Hundt am Mittwoch in Berlin noch einmal vorstellen. Aber mit einer rot-grünen Bundesregierung wird es sich kaum verwirklichen lassen.

Auch unter den Stipendiengebern in den Stiftungen ist man uneins in der Gebührenfrage. Studienstiftung, Seidel - und Murrmann-Stiftung befürworten Studiengebühren und möchten ihre Programme aufstocken, andere, wie die Grünen-nahe Böll-Stiftung sind dagegen. „Wir können und wollen Studiengebühren nicht übernehmen, wenn sie denn kommen“, sagt die Leiterin des Studienwerkes Ulla Siebert. Es wäre nicht akzeptabel, die Zahl der Stipendien zu reduzieren, weil die Sätze erhöht werden müssten, damit die Studenten Gebühren zahlen können. Außerdem hoffe man, dass die Gebührenmodelle scheitern und sich der Vorschlag der Böll-Stiftung durchsetzt: Mit einer Kombination aus Bildungsgutscheinen und einem Studentensalär soll das Erststudium gebührenfrei bleiben.

Infos zu Stipendien im Internet:

www.begabte.de

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