Gesundheit : Soziales Jahr: Bauen, kochen, ernten und roden

Beate Salazar

Regina und Simone aus Österreich, Rose-Mary aus Mexico, Mario und Christel aus Deutschland und Katie aus England sind junge Leute im Alter von 19 bis 24 Jahren, die sich aufgemacht haben, an der Umsetzung sinnvoller Ideen und Projekte in einem anderen Land mitzuarbeiten. Sie leisten einen Europäischen Freiwilligendienst in Frankreich, im Verein "La Croisée des Regards". Unter Eingeweihten werden die Projekte des Vereins und der Ort selbst einfach "Mayne" genannt. "Mayne" ist zuerst das Haus, in dem die Familie und die Volontäre leben, was jeden liebevoll aufnimmt und schwer wieder loslässt.

"Auch wenn nicht immer alles klappt oder man sich auch besser organisieren könnte, so will Alain - der französische Projektleiter, der mit seiner Familie auch in diesem Haus lebt - den Austausch von Menschen unterschiedlicher Nationalitäten fördern. Er will ihnen das Haus öffnen, einen Platz anbieten und für sie da sein, ihnen einfach ein Heim geben" beschreibt Mario aus Deutschland seinen Eindruck nach fast 12-monatigem Aufenthalt. Mario ist mein Sohn. Er lud mich in sein neues Leben ein.

Im Mai war ich nun für zwei Wochen Gast in "Mayne" in der Provence. Während der Vorstellung werde ich schnell in die sprachliche Selbstständigkeit entlassen, was so ad hoc etwas grausam ist. Bevor mir Mario "Mayne" zeigt, schleichen wir uns in den Garten und machen uns an die Erdbeeren heran. Wir hocken zwischen den Reihen und wetteifern um die größten Früchte. Ein 130 Hektar großes Waldgebiet umschließt das nach alter Tradition gebaute Haus und zwei Ruinen, die ebenso einmal Obdach für Teilnehmer internationaler Begegnungen werden sollen. Dort wird gebaut.

Olivenhaine gehören zum Kulturerbe

In der warmen Luft liegen der Duft von Thymian und Ginster. Neben den vielen Baumarten und Büschen mediterraner Flora ist das Gebiet aber auch gekennzeichnet von weiten Flächen verbrannten Waldes. Die Freiwilligen beseitigen die Spuren der Brände und sorgen für die Neubepflanzung, wofür eigens eine Baumschule angelegt wurde. Bei Waldarbeiten fand man alte Olivenhaine, die zum französischen Kulturerbe zählen. Unter fachmännischer Anleitung werden sie von den Volontären freigelegt.

Durch solche Projekte in den Wäldern können nicht nur die Jugendlichen lernen, wie man mit der Natur umgeht, sondern sollen auch Nachbarn und Freunde der Natur durch geführte Wanderungen für die Projekte des Vereins interessiert werden.

Gemeinsames Kochen und Essen wird dann besonders schön, wenn der selbst angelegte Garten als Lieferant für köstliche Menüs herhält. Die Ergebnisse ausprobierter Rezepte, mitgebracht oder von zu Hause geschickt, finden ihre dankbaren Abnehmer. Die Volontäre stellen fest, dass sie auch untereinander viel gelernt und Arbeiten gemacht haben, die sie sich vorher nie vorstellen konnten. Rose-Mary (24) hatte nie in ihrer Heimat Mexiko gekocht oder ihre Wäsche selbst gewaschen, geschweige denn gewusst, wie man Löcher in einer Wand schließt. Simone (24) und Mario (20) haben Mauern hochgezogen und Wände gestrichen, während sich Christel um Pferde und Garten kümmerte.

Auch die Gäste fügen sich in den Lebensrhythmus der jungen Leute ein. Nach Jahrzehnten habe ich mich das erste Mal wieder in einem Kartoffelfeld gekrümmt, um Unkraut zu jäten. In Absprache mit Alain übernahm ich die Instandsetzung des großen Aufenthaltsraumes - jedenfalls bei der Bemalung. Draußen schien die Sonne, das Wetter war herrlich. Neben der Arbeit werden auch Fußball und Volleyball gespielt. Mit ungeheurem Spaß begeben sich alle in den sportlichen Wettkampf.

Fernsehen und Video gibt es selten. Im nächsten Ort kann man sich zum Reden oder Zuhören in ein Musikcafé setzen, an den Wochenenden die bunten Märkte besuchen oder Ausflüge in die Umgebung unternehmen. Das Wirtschaftsauto und das Privatauto von Simone ermöglichen, dass wir alle mehr als nur "Mayne" sehen.

Das auf viele Monate festgelegte Leben der Freiwilligen schafft Nähe, Vertrautheit, zwingt zu gegenseitiger Rücksichtnahme und Anpassung - sagen die Volontäre. Simone hat für sich dazu festgestellt: "Man lernt so viele Leute nur für eine bestimmte Zeit kennen. Bei einigen schmerzt die Trennung. Es ist besser auszuhalten, wenn man mit der Zeit auf Distanz geht." Und Katie erzählt: "Wenn man traurig ist, sehen das alle. Du kannst dich nicht einfach in dein Zimmer verkriechen - es gibt kein Einzelzimmer. Andererseits ist es auch wieder gut zu wissen, daß man nicht allein ist."

"Für mich waren die ersten zwei Monate sehr hart", erinnert sich Rose-Mary. "Ich konnte die Sprache nicht sprechen und musste mich allein um meine Angelegenheiten kümmern - da habe ich schon manchmal an zu Hause gedacht."

Wenn der Abschied eines Volontärs naht, wird ein Geschenk besorgt, ein Abschiedsessen vorbereitet und der Tisch besonders schön gedeckt. Nach ein paar Minuten in einsamer Stille ist es soweit: eine letzte Umarmung und Bäche von Tränen werden vergossen. Herzzerreißende Momente.

Allen Freiwilligen in "Mayne" hat die Zeit etwas gebracht. Einige sind ohne Französischkenntnisse angereist und nun in der Lage, sich fließend in der Sprache zu verständigen. Die Sprache zu lernen, kulturelle Akzeptanz zu üben, gegenseitige Rücksichtnahme und unterschiedliche Lebens- und Denkweise zu gemeinsamen Leben und Arbeiten zu verbinden, werden als wichtige Ergebnisse ihres Aufenthaltes genannt. "Für Schickimicki-Typen ist das nichts. Man muß WG-tauglich sein, sich anpassen und improvisieren können. Es hilft ungemein, sich schneller heimisch zu fühlen, wenn man ein bißchen die Landessprache spricht", empfiehlt Simone.

"Wenn man sich für einen Freiwilligen-dienst entscheidet, sollte man sich Zeit nehmen, das Neue anzunehmen", rät Mario. Wenn der Dienst dann aber vorbei ist, "muss der Volontär wieder in seinem vorherigen Leben ankommen", sagt Anne. Anne ist eine deutsche "Ehemalige" in "Mayne", die jetzt Deutsch-Französisch für das Lehramt studiert. Es sei gut, wenn Freunde, Eltern und Geschwister dabei helfen.

Für Schulen eine Chance

Der Leiter des Schülerclubs an der Kurt-Schwitters-Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe in Berlin (Prenzlauer Berg), Gunnar Ortlepp, nutzt bereits seit sechs Jahren mit interessierten Schülern die Möglichkeit eines Workcamps in "Mayne". Auch Mario war dabei. "Nach solchen Fahrten konnte man immer ein besseres Miteinander zwischen Schülern und Lehrer feststellen", hebt er hervor. "Das hat auch zu einer positiven Entwicklung der Schulkultur beigetragen".

0 Kommentare

Neuester Kommentar