Gesundheit : Sozialgeschichte Berliner Art

Aufklärer: Der Historiker Jürgen Kocka hat das Wissenschaftszentrum Berlin erfolgreich umgebaut

Hermann Rudolph

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, der mächtige Institutsdampfer am Landwehrkanal, halb wilheminische Pracht, halb Achtziger-Jahre-Moderne, hat unter Jürgen Kocka eine wichtige Umbauphase hinter sich gebracht. Der Blick zurück trifft auch den Mann, der diesen Wandel bewirkt hat – und seinen Werdegang. Immerhin wird Ende des Jahres von den zehn Abteilungen, die zu Kockas Amtsantritt 2001 existierten, nur eine noch bestehen. Und so gut wie alle werden von Personen geleitet, die unter ihm zum Institut gestoßen sind. Kocka hat den Generationswechsel, den das Ausscheiden vieler Forscher bewirkte, als Chance für eine neue Profilierung des Zentrums genutzt. Er ist nicht mehr im Amt, aber die Verabschiedung als Präsident des Wissenschaftszentrums (WZB) – und zugleich die Einführung der neuen Präsidentin Jutta Allmendinger – findet erst Mitte Mai statt.

Mit Kocka war kein Wissenschaftsmanager an die Spitze des größten deutschen Sozialforschungsinstituts geraten, auch kein Sozialwissenschaftler im engeren Sinne, sondern ein Historiker – der erste in der Geschichte des Hauses. Allerdings hatte er sich seinen Ruf auf dem Feld der Sozialgeschichte erworben. Als Anfangdreißigjähriger nach Bielefeld berufen, war er neben dem Blitzeschleuderer Hans-Ulrich Wehler zum bedeutendsten Repräsentanten dieser Wendung des Faches geworden, die inzwischen selbst (Wissenschafts-)Geschichte geworden ist. Und auch in Berlin, wo er seit den achtziger Jahren an der Freien Universität (FU) lehrte, bekleidete er eine Professur für „Geschichte der industriellen Welt“.

Diese Orientierung mag ihm, als er vor sechs Jahren etwas überraschend Präsident wurde, ebenso zugute gekommen sein wie der Umstand, dass er auch seiner intellektuellen Herkunft nach aus Berlin kam, genauer: aus dem wissenschaftlich-intellektuellen Quellgebiet, das FU und Otto-Suhr-Institut in ihrer liberal-kritischen, sozusagen vorrevolutionären Phase waren. Was bedeutete: Sozialisation in all den Debatten, mit denen sich die Nachkriegsgeneration auf eigene Füße stellte; über den deutschen Sonderweg ebenso wie über soziale Demokratie. Dazu Politisierung durch und gegen die beginnende Studentenbewegung. Vor allem aber prägende Lehrjahre zu Füßen der Größen des universitären NachkriegsBerlins – des Demokratie-Theoretikers Ernst Fraenkel, des Ost-West-Deuters Richard Löwenthal, des Philosophen Dieter Henrich, nicht zuletzt des Historikers Gerhard A. Ritter. Der war es, der ihn – vorbei an den Versuchungen etlicher Zeitungspraktika – in die Wissenschaft lotste. Und eine „Sozialgeschichte Berliner Art“ hat Kocka auch als seine wissenschaftliche Konfession bekannt.

Historische Sozialwissenschaft, sozialwissenschaftliche Historie: Die bildeten auch den Horizont der Arbeiten, mit denen Kocka sein Profil gewann. Die Doktorarbeit, die Furore machte, hatte am Beispiel von Siemens der Entstehung einer neuen sozialen Schicht gegolten, der Angestellten. Am Wandel der „Klassengesellschaft im (Ersten) Weltkrieg“ erprobte Kocka die Möglichkeiten einer Sozialstrukturgeschichte. Mit zwei Bänden legte er den Grundstein zu einer auf vier Bände angelegten Geschichte von Arbeit und Arbeitern. Aber Kocka war nicht nur ein ungemein fleißiger Arbeiter im Weinberg der Forschung, sondern schob auch große Projekte an, zuvörderst einer Sozialgeschichte des Bürgertums.

Vor allem wurde Kocka mit den Jahren zu einer wichtigen Stimme in der Öffentlichkeit. Als in den achtziger Jahren die intellektuellen Koryphäen säbelklirrend übereinander herfielen – Stichwort: Historikerstreit, Kontroversen über Museen in Bonn und Berlin –, fiel er auf, weil er zwar kräftig mit dabei war, aber darauf verzichtete, die Gräben zu vertiefen. Ähnlich in den neunziger Jahren, als es um den Umgang mit der DDR-Geschichte ging oder um das Holocaust-Mahnmal: Kocka äußerte sich bestimmt, aber ohne die üblichen Attackesignale. Seine Berufung ans Wissenschaftszentrum galt wohl nicht zuletzt der Instanz im intellektuellen Disput der Republik und ihrer bewiesenen Verbindlichkeit.

Allerdings hatte sich auch kaum ein anderer Wissenschaftler seines Karatgehalts im Laufe der Jahre auch so ins Räderwerk des Wissenschaftsbetriebs hineinziehen lassen. Mitglied des Wissenschaftsrates bei der Neuorganisation der Wissenschaft in der DDR, ständiges Mitglied des Wissenschaftskollegs, Gründungsbeauftragter des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und des Instituts für vergleichende europäische Geschichte in Berlin, dazu ein paar Jahre auch Präsident des Internationalen Historikerverbandes: Man kommt kaum nach mit dem Aufzählen und fragt sich, wie Kocka das alles unter einen Hut brachte – unter dem, notabene, auch noch FU-Lehre, Doktoranden und eigene Forschung Platz fanden.

Das alles hat schwerlich nur damit zu tun, dass Kocka eben auch administrative Aufgaben reizen. Man muss das Paket, das sich der untersetzte, unaufgeregte Mann, der frei ist von allem Paradiesvogelgehabe, aufgeladen hat – und damit auch die sechs Jahre Wissenschaftszentrum als Gipfel dieser Aktivität –, wohl auch begreifen als Tribut an sein Leitbild des Wissenschaftlers. Es ist, herangewachsen in der wissenschaftlichen Arbeit wie in bewusst gelebter Zeitgenossenschaft, der Wissenschaftler in seiner Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Dabei hält Kocka fest an der Berufung der Wissenschaft zur Aufklärung. Die kritische Beschäftigung mit der Geschichte hat seine Überzeugung gestärkt, dass auch die belastende Erinnerung produktiv, ja, vielleicht heilsam sein kann. Die Geschichte der Bundesrepublik ist das Beispiel dafür. Aber es entspricht ja auch seinem Verständnis, dass Wissenschaft, in Sonderheit der Umgang mit Geschichte, doch zu Vernunft, zu Klugheit, ja, Humanität führen könne.

Ein Historiker in einer Bewährungsprobe? Nach den sechs Jahren von Kockas Leitung des WZB lässt sich nur sagen, dass diese Probe gelungen ist. Und zwar in der Breite, die die Aufgabe stellte. Die über die Jahre hinweg gewachsene Struktur, die mit der Zeit ein bisschen sehr dem Nebeneinander von unabhängigen Fürstentümern glich, ist gestrafft worden. Die Erneuerungsfähigkeit des Instituts ist gewachsen. Neue Schwerpunkte sind gesetzt worden, zumal in Richtung auf das große Thema. Nicht zuletzt war es Kockas Ehrgeiz, das Institut in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen. Dem Zweck dienten viele Vorträge, Kolloquien, die Runderneuerung der Institutszeitschrift und auch, zum Beispiel, der Umstand, dass kein Geringerer als Ralf Dahrendorf eine Gastrolle als Forschungsprofessor gab. Zu übersehen war die Institution im Bau des alten Reichsversicherungsamts am Reichpietschufer nie. Jetzt hat sie ihre Stellung in Berlin ausgebaut. Jetzt wissen mehr Leute, was sich darin tut.

Der Autor, Herausgeber des Tagesspiegels, ist Mitglied des Freundeskreises des Wissenschaftszentrums.

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