Sozialpädiatrie : Ein Netz für die Kleinen

Wenn ein Kind chronisch krank oder behindert ist, kann das eine Familie schwer belasten. In Berlin hilft ein Verein gemeinsam mit der Charité, die Zeit nach einer Operation besser zu bewältigen.

von
Kämpferin. Sevinc Merkit mit ihrem schwer herzkranken Sohn Cavit in ihrer Reinickendorfer Wohnung. Merkits Ehe ist an der Belastung zerbrochen.
Kämpferin. Sevinc Merkit mit ihrem schwer herzkranken Sohn Cavit in ihrer Reinickendorfer Wohnung. Merkits Ehe ist an der...Foto: Mike Wolff

Ein Krankenhaus war für fast drei Jahre ihr zweites Zuhause. „Wir haben quasi in der Charité gelebt!“ sagt Sevinc Merkit. Wir: Das sind die Mutter und ihr kleiner Sohn. Erst Anfang dieses Jahres konnte Cavit die Klinik verlassen. Der schwer herzkranke Dreijährige, der lange auf ein Kunstherz angewiesen war, hatte im Oktober sein Spenderorgan bekommen. Nun ist er endlich zu Hause bei seiner Mutter und den zwei großen Schwestern. Auch wenn er vorerst nur mit Mundschutz und Handschuhen nach draußen darf und sicherheitshalber noch meist drinnen spielt, ohne Kontakt zu anderen Kindern, auch wenn er täglich an die zehn Medikamente nehmen muss, nicht alles essen darf und sich wegen seines heruntergedimmten Immunsystems schnell einen Infekt einfängt, geht es ihm gut. Er genießt seinen auf einmal so stark erweiterten Aktionsradius.

Sevinc Merkit hat jahrelang um das Leben ihres Sohnes gekämpft, sie ist mit den Kindern von Braunschweig nach Berlin gezogen, um in der Nähe des Deutschen Herzzentrums zu leben, ihre Ehe ist an der Belastung zerbrochen. Und dann waren da noch ihre beiden Töchter, die jetzt zehn und sechs Jahre alt sind. Sie drohten immer wieder zu kurz zu kommen. Das Jugendamt schickt auch jetzt noch einmal in der Woche eine Familienhelferin, die sich besonders um die beiden Mädchen kümmert.

Petra Grieben
Petra GriebenFoto: Privat

Der Kampf um das Leben eines zu früh geborenen, mit einer schweren Krankheit auf die Welt gekommenen oder bei einem Unfall schwer verletzten „Sorgenkindes“ verändert das Gefüge der gesamten Familie. Auch wenn mit der Entlassung aus dem Krankenhaus ein Stück Normalität zurückkehrt: Für die Eltern ist es oft eine geradezu artistische Leistung, den Alltag mit einem noch nicht ganz gesunden, einem chronisch kranken oder einem behinderten Kind zu meistern. Was Sevinc Merkit dabei Sicherheit gibt: Sie kann sich Tag und Nacht an das interdisziplinäre, fachlich gut aufgestellte Team des Kindergesundheitshauses e. V. wenden. Gemeinsam mit dem Otto-Heubner-Centrum für Kinder- und Jugendmedizin der Charité will der eingetragene Verein, der auch für das Vivantes-Klinikum Neukölln tätig ist, Familien sozusagen Netz und doppelten Boden bieten. Die Kinderkrankenschwestern, Familienpflegerinnen, Sozialpädagoginnen, die Psychologin und den Kinderarzt, die zum Team gehören, kennen die Familien schon aus der Zeit im Krankenhaus, als sie sie rund um die Entlassung beraten haben. Sie sind hauptberuflich alle Mitarbeiter der Charité, die auch Räume und Strukturen zur Verfügung stellt, und arbeiten zusätzlich noch im Rahmen des Kindergesundheitshauses.

Wenn die schwer kranken Kinder wieder zu Hause sind, stellt das Team vom Kindergesundheitshaus den Familien seine gesammelte Kompetenz zur Verfügung: Welcher ambulante Pflegedienst ist geeignet, welche Unterstützung bietet das jeweilige Jugendamt, welche das Gesundheitsamt, wie und wo bekomme ich eine bestimmte Therapie, gibt es eine passende Selbsthilfegruppe, die infrage kommt? „Berlin bietet eigentlich sehr viel, man muss die Angebote nur kennen“, sagt die Kinderkrankenschwester Petra Grieben. Als persönliche Case-Managerinnen bieten sie und ihre Kolleginnen auch an, Termine für die Familien zu vereinbaren und sie auf Wunsch zu Ämtern und Therapien zu begleiten. Vor allem zum niedergelassenen Kinderarzt, der nach der stationären Behandlung der betreuende Arzt des Kindes und der medizinische Hauptansprechpartner der Eltern ist, hält das Team nach Möglichkeit einen engen Kontakt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar