Gesundheit : Sozialpsychologie: Ehrlicher und barmherziger als der Rest der Welt

Rolf Degen

Bereits Jesus tadelte die Heuchler, die den Splitter im Auge des Nächsten bekritteln, aber den Balken im eigenen Auge nicht sehen wollen. Wie neueste Forschungsergebnisse aus der Sozialpsychologie jetzt untermauern, trägt jeder von uns einen kleinen "Pharisäer" in sich. Der Durchschnittsmensch hat demnach ein total beschönigendes Bild von seinen moralischen Antriebskräften, während er die ethischen Motive der anderen ziemlich realistisch einschätzt.

Dass zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung eine erhebliche Kluft besteht, hat die Sozialpsychologie in Jahrzehnten der empirischen Forschung aufgedeckt. Das heben die US-Psychologen Nicholas Epley und David Dunning hervor. Zu jeder "ungeschminkten" Selbsterkenntnis gehört die Einsicht, dass man über angenehme und weniger angenehme Eigenschaften verfügt. Tatsache ist jedoch, dass sich die meisten Menschen auf ihre eigene "Schokoladenseite" konzentrieren.

Viele Studien haben gezeigt, dass man andere Leute mit Vorliebe nach solchen Eigenschaften bewertet, die man bei sich selbst für positiv einschätzt. Bei Erhebungen äußern die Befragten stets die Überzeugung, selbst fairer, barmherziger, kooperativer und ehrlicher zu sein als der Rest der Welt. Auch wenn es darum geht, ganz konkrete Verhaltensweisen vorherzusagen, dichten Menschen sich selbst die edleren Züge an.

So sahen 60 Prozent der Befragten voraus, dass sie bei einer bevorstehenden Gelegenheit Blut spenden würden. Die Spendebereitschaft der anderen wurde dagegen lediglich auf 39 Prozent taxiert. Die meisten Probanden waren auch überzeugt, dass sie selbst bei dem berühmten "Milgram-Experiment", bei dem Versuchspersonen einem schauspielernden "Probanden" gefährliche Stromstöße verabreichten, viel eher revoltieren würden als andere Leute.

Diese Diskrepanz kann zwei verschiedene Quellen haben, geben die Forscher zu bedenken: Entweder haben die Befragten ein zu hohes Bild von ihrer eigenen Moralität, oder sie schätzen die Moralität der anderen zu zynisch ein. Um diese Alternativen zu klären, haben sie eine Serie von Experimenten gemacht.

Bei der ersten Studie wurde die Bereitschaft der Probanden erfragt, bei einer bevorstehenden Wohltätigkeitsveranstaltung Blumen zu kaufen, deren Erlös für einen guten Zweck gestiftet werden sollte. Die Befragten sollten auch schätzen, wie es um die Kaufbereitschaft anderer stand. Nach der Veranstaltung wurde das tatsächliche Kaufverhalten eruiert. Fazit: 83 Prozent sahen voraus, dass sie mindestens eine Blume kaufen würden. Dagegen glaubten sie, dass nur 56 Prozent der anderen mildtätig sein würden. De facto machten aber lediglich 43 Prozent aller Teilnehmer Geld für die gute Sache locker. Offensichtlich hatten die Befragten ein zu rosiges Bild ihrer Mildtätigkeit gemalt, während sie das Verhalten der anderen vergleichsweise nüchtern sahen.

Beim nächsten Experiment sollten die Teilnehmer ihre eigene Reaktion und die der Mitspieler im "Gefangenen-Dilemma" prophezeien. Das ist ein Rollenspiel mit zwei Spielern, die vor einem Dilemma stehen: Sie wurden wegen eines Verbrechens verhaftet. Sie können entweder kooperieren ("dicht halten") oder egoistisch sein (den anderen "verpfeifen"). Wie tauglich die jeweilige Option ist, hängt vom Verhalten des Mitspielers ab. Der "Verräter", der einen kooperativen Mitgefangenen anschwärzt, staubt die maximale Punktzahl (5). Zwei Partner, die sich gegenseitig verraten, müssen sich mit je einem mageren Punkt begnügen.

Eine überwältigende Mehrheit von 84 Prozent sah bei sich selbst kooperatives Verhalten voraus. Bei den Mitspielern wurden dagegen nur 64 Prozent Kooperation vorhergesagt. Am Ende betrug die tatsächliche Kooperationsquote aller Spieler nur 61 Prozent.

Im nächsten Versuch erhielten die Teilnehmer Gelegenheit, zumindest einen Teil des bei Experimenten verdienten Honorars für einen guten Zweck zu stiften. Prognosen über die eigene und fremde Spendenbereitschaft waren im Voraus abgegeben worden. Alle Probanden glaubten, sie selbst würden zumindest etwas springen lassen. Die Spendenbereitschaft der anderen wurde auf 51 Prozent taxiert. Die tatsächliche Zahl der Spender, die sich auf 62 Prozent belief, lag wieder näher am geschätzten Verhalten der anderen. Vor dem Experiment schätzten die Befragten, sie selbst würden etwa 2,50 Dollar, die anderen aber nur 1,80 hinlegen. Das tatsächlich gespendete Almosen betrug im Schnitt 1,50 Dollar.

Beim abschließenden Experiment hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, eine mehr oder weniger nervtötende Aufgabe selbst zu erledigen oder auf eine andere Versuchsperson abzuwälzen. Die andere Versuchsperson wurde entweder als gewöhnlicher Student oder als zehnjähriges Mädchen beschrieben. Der Hintergedanke war der, dass die Abwälzung auf ein junges Mädchen eine noch abgefeimtere Mentalität verlangt. Vor der Versuchsdurchführung wurden wieder Prognosen über das eigene und fremde Verhalten abgegeben. Insgesamt 57 Prozent der Befragten gingen davon aus, dass sie die nervtötende Aufgabe selbst erledigen würden. Den anderen wurde nur eine Annahmequote von 40 Prozent zugesagt. Das lag immer noch näher an der Quote von 31 Prozent, die im Endeffekt zu verzeichnen war.

Die meisten glaubten auch, nur die anderen, nicht aber sie selbst, würden sich durch das Ausmaß der Unbequemlichkeiten beeinflussen lassen. De facto hatte die Unbequemlichkeit einen Rundum-Effekt. Wenn die Aufgabe nur etwas nervig war, erledigten 52 Prozent sie selbst. Bei erheblichen Unbequemlichkeiten sank diese Rate auf 13 Prozent. Entgegen allen Vorhersagen machte es keinen Unterschied, ob die Unannehmlichkeiten auf einen x-beliebigen Studenten oder ein junges Mädchen geschoben werden mussten.

Dass Menschen sich selbst hehrere Motive andichten als anderen Leuten, hat nach Ansicht der Autoren etwas mit einem eingebauten Sehfehler in der Psyche zu tun: Wenn Menschen ihr eigenes Verhalten beurteilen sollen, greifen sie naturgemäß auf ihr Selbstbild und das gesammelte Wissen über ihr Ego zurück. Das Selbstbild wird aber nun einmal durch beschönigende Illusionen verzerrt. Wenn man andere Menschen beurteilt, steckt man eher in der Rolle eines objektiven Verhaltensforschers. Prognosen über andere werden daher in stärkerem Maße durch objektive und statistisch aussagekräftige Informationen und Beobachtungen gestützt.

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