Gesundheit : Soziologe, Künstler, Provokateur, König der Flaneure

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Wann immer Alphons Silbermann auftritt, bei Podiumsdebatten oder Talkshows, ist eine Provokation gewiss. Seit Jahrzehnten erlebt man einen Tabu-Torpedo, das jede ungenaue Formulierung "beim Wort" nimmt, um daraus in unverblümter Manier unbehagliche Schlüsse zu ziehen.

Zu weit war er vielen gegangen, als er im FAZ-Fragebogen als geschätzte Eigenschaften bei Männern "schöne Beine" nannte und bei Frauen "Dummheit". Da war er 82 Jahre alt - heute wird er 90. Und kein bisschen weiser? Vielleicht doch. Silbermanns Provokationen sind rarer geworden - nicht aber seine radikalen Thesen über soziale Vorurteile. Zu den bis dahin annähernd fünfzig Büchern, zahllosen Zeitschriftenessays , Rundfunk und Fernsehbeiträgen über Musikwissenschaft, Medien und Kultursoziologie sind Titel hinzu gekommen, die bemerkenswerte thematische Akzente setzen, so zum Beispiel 1992: "Juden in Deutschland. Selbstbild und Fremdbild einer Minorität". 1993 kam "Alle Kreter lügen. Die Kunst, mit Vorurteilen zu leben" heraus, zwei Jahre darauf die "Propheten des Untergangs. Das Geschäft mit den Ängsten". In "Der normale Hass auf die Fremden", befasste sich Silbermann 1998 mit den Integrationsproblemen russisch-jüdischer Zuwanderer. Jetzt, pünktlich zum 90. Geburtstag, gibt es die Fortsetzung seiner Autobiografie. Und als Beitrag zur Debatte über "Erinnern und Vergessen" wird eine kommentierte Befragung der 14- bis 50-jährigen Deutschen ("Auschwitz. Nie davon gehört ?") erscheinen.

Wer Alphons Silbermann in seiner Wohnung in der Kölner Südstadt besucht, bewundert die prachtvolle Bibel aus dem 17. Jahrhundert - ein sorgsam gehütetes Erbstück vom Vater. Aus dem Kleinod ist ein Gebrauchsgegenstand geworden,denn Alphons Silbermann liest heute öfter in der Bibel. Mehr als früher macht Silbermann heute auch deutlich, dass jede angewandte Soziologie eine religiöse Dimension enthält. So schreibt er über Hiob im aktuellen Bezug auf Katastrophenangst und Kulturpessimismus. Bewusst zitiert er Kierkegaards theologischen Begriff der Angst. Er selbst bekennt sich zum "gläubigen Sein", ohne den jüdischen Religionsgeboten strikt zu folgen.

Die Kunst des Improvisierens ist das Geheimnis seiner Existenz. Er selbst sagte über sich: "Selbstachtung, ja gar Eigenstolz waren ihm nie ein Laster. Wohl aber die Lüge. Was er sich im Leben zusammengelogen hat - unnötig zu betonen, wie anders hätte sich der Jude Silbermann im Überleben auch bewähren können -, jetzt bedarf er der Lüge nicht mehr: Durch sein Er spricht die Wahrheit seines Ich." So endete vor zehn Jahren die erste Version einer Autobiographie. Sie trug den Titel "Verwandlungen".

Silbermann, der Sohn wohlhabender Eltern verbringt eine "wonnevolle" Studienzeit in den Fächern Jura, Soziologie und Musikwissenschaft. Berufswunsch: Kapellmeister. Doch sein Mentor Hans Kelsen, der 1933 noch als jüdischer Professor "Internationales Recht" an der Kölner Universität lehrt, drängt ihn zum Abschluss des Jura-Studiums. Gerade hat er die Dissertation abgegeben, da wird er auf der Treppe zur Universität von nationalsozialistischen Studenten zusammengeschlagen. Am gleichen Abend nimmt Silbermann den Zug nach Utrecht. Von dort flüchtet er über Paris nach Australien. Er schlägt sich durch als Kellner, Barpianist und Spielautomatenaufsteller. In Sydney gründeter mit seinem Freund eine Hamburger-Kette und hat damit die materielle Basis für eine ehrenamtliche Tätigkeit am State Conservation of Music. Anfang der fünziger Jahre kehrt er nach Europa zurück, lehrt in Bordeaux und Lausanne und muss bis 1970 warten, bis er in Köln eine Professur für Massenkommunikation und Kunstsoziologie erhält. Silbermann hat "die Soziologie", wie er zu sagen pflegt - "am eigenen Leibe erfahren". Seinen Neigungen, gleich welcher Art, ist er stets nachgegangen. Über seine Homosexualität spricht und schreibt er freimütig - und auch über das Problem von Freundschaft und Liebe. In Deutschland ist der Kosmopolit Silbermann ein Aussenseiter geblieben - trotz Verdienstkreuz und Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Köln. In der akademischen Welt ist er mit seiner urbanen Eleganz immer noch ein Paradiesvogel. Die Erforschung des Alltäglichen macht ihn unbequem, vor allem seine Umfrageergebnisse zur Kontinuität des deutschen Antisemitismus. Silbermann hält die deutsche Gesellschaft für zutiefst provinziell. Seinen australischen Pass besitzt er noch heute. Unserem Land fehle es an "geistiger Führung", erklärt er. Nicht als Sozialwissenschaftler, der Anschauungsmaterial für seine Theorie der Gesellschaft sucht, fügt Silbermann Geschmacksfragen und die Entfremdungsthese zusammen, sondern als Beobachter des Durchschnittsbewusstseins.

"Flanieren" bedeutet für ihn, Expeditionen in die Exotik des Alltags. Als "Alltagssoziologe" musste er sich bis zuletzt gegen den Standesdünkel etablierter Fachwissenschaftler zur Wehr setzen. Silbermanns Kritik an der eigenen Zunft gipfelt in dem Vorwurf, dass an die Stelle von kritischer Analyse und sozialer Aufklärung "unnütze Soziologenunrast" getreten sei. Dass das Fach "Medienwissenschaft" Studenten zu "Journalisten" auszubilden vermag, bezweifelt der Praktiker. Auch in seiner Auseinandersetzung mit Adorno ging es um mehr als nur um musiksoziologische Fragen. Der 68er-Bewegung an den Universitäten stand Silbermann ebenso misstrauisch gegenüber wie einer "Dialektik der Aufklärung" mit ungewissem Ausgang. Sein originellster Rundfunkbeitrag der jüngsten Zeit ist ein imaginäres Streitgesprächs zwischen Nietzsche und Adorno. Wenn hier vordergründig ein Disput über verschiedene Dimensionen der "Klangsinnlichkeit" geführt wird, geht es wie in Thomas Manns "Faustus-Roman" in Wirklichkeit um Lebensphilosophie und Aufklärung. So wie der Teufel zuweilen die Vernunft gegen Faust in Schutz nehmen musste, setzt Silbermann mit Nietzsche den gesunden Menschenverstand gegen das ausufernde "Bildungsgebilde" eines "im luftleeren Raum ausgeklügelten" Systems soziologischer "Spitzfindigkeiten und Dispute". Doch mit seinem Plädoyer für die Freiheit des Denkens und Handelns ist Silbermann näher bei Adorno, als er zugeben möchte: "Wenn Aufklärung auch gewisse Gefahren in sich birgt, führt sie letzten Endes doch dazu, die Subjektstellung des Menschen zu bekräftigen, auf dass er als eigener Herr zum aufrechten Gang befähigt werde." Silbermann ist einer der letzten grossen Flaneure mit aufrechtem Gang. Ein neues Jahrhundert ohne diese Flaneure wird ärmer und blutleerer sein.

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