Gesundheit : Spätzünder: Das Gehirn entwickelt sich noch bis ins Erwachsenenalter hinein

Hartmut Wewetzer

Zwar ist das Gehirn im Rohbau fertig, wenn wir auf die Welt kommen. Aber danach tut sich noch eine ganze Menge. Mit modernen Untersuchungsverfahren ist es mittlerweile möglich, bei der Hirnreifung "zuzusehen". Wie jetzt in der Fachzeitschrift "Nature Neuroscience" veröffentlichte Studien zeigen, entwickelt sich unser Erkenntnisorgan noch bis ins Erwachsenenalter hinein: Bestimmte Bereiche wachsen, andere werden abgebaut.

Jan Giedd und seine Mitarbeiter von den Nationalen Gesundheitsinstituten der USA und dem Montreal Neurological Institute beobachteten die Entwicklung des Gehirns bei Kindern und jungen Erwachsenen zwischen vier und 20. Sie benutzten dazu die Magnetresonanz-Technik. Diese funktioniert ähnlich wie eine Röntgenaufnahme, geht aber ohne Strahlung einher und liefert detaillierte Bilder des Nervensystems.

Es stellte sich heraus, dass in einigen Hirnregionen die aus Nervenzellen und ihren Verschaltungen bestehende Hirnrinde ("graue Substanz") vor dem Eintreten der Pubertät zunahm, um danach abzunehmen. Gleichzeitig wuchs die unter der Hirnrinde gelegene "weiße Substanz". Sie besteht im Wesentlichen aus von Bindegewebe ummantelten Nervenfasern.

Was bei diesen Volumenänderungen im Gehirn passiert, lässt sich nur vermuten. So könnte eine Abnahme der grauen Substanz darauf hindeuten, dass die Zahl der Kontakte zwischen den Zellen abnimmt, vermutlich ein Zeichen von Lernvorgängen.

Eine Abnahme der grauen Substanz in verschiedenen Hirnarealen, vor allem im Stirnlappen, beobachteten Elizabeth Sowell und ihre Mitarbeiter von der Universität von Kalifornien in Los Angeles ebenfalls in Magnetresonanz-Aufnahmen. Der Schwund trat zwischen dem Jugend- und dem frühen Erwachsenenalter auf.

Der Stirnlappen ist nach heutiger Auffassung dazu da, heftige Gefühle und Reaktionen zu dämpfen und zu kontrollieren sowie planvolles Handeln in die Wege zu leiten. So liegt es für die Forscher nahe, die von ihnen beobachteten Veränderungen in der Hirn-Anatomie mit der Bedeutung dieser Region für die Psychologie zu verknüpfen. Könnte es nicht sein, dass die relativ spät auftretende Abnahme der grauen Substanz des Stirnhirns mit der ebenfalls eher späten Reifung des Verantwortungsbewusstseins und anderer diesem Hirnareal nachgesagten Talente zusammenhängt?

Zwar bieten sich viele Erkenntnisse der sich rasch entwickelnden Hirnforschung dazu an, Handlungsanweisungen für den Alltag aus ihnen abzuleiten. Das könnten aber vorschnelle Kurzschlüsse sein, warnt ein Kommentar in der gleichen Ausgabe von "Nature Neuroscience". Ein Beispiel dafür ist der von den amerikanischen Medien gefeierte "Mozart-Effekt", die Intelligenzsteigerung durch das Hören klassischer Musik. Erst kürzlich wurde eine Untersuchung veröffentlicht, in der der erhoffte Mozart-Effekt beim Ungeborenen in Frage gestellt wurde. Wissenschaft kann schnell zur Glaubensfrage werden - und wenn dann neue Forschungsergebnisse das Publikum desillusionieren, können daraus Verärgerung und ein Vertrauensverlust für die Wissenschaft resultieren.

Zu den schon fast populären Mythen in der amerikanischen Öffentlichkeit zählt die Überzeugung, man müsse die Zahl der Nervenzellkontakte, der Synapsen, bei Kleinkindern erhöhen, indem man sie durch eine besonders anregende Umgebung stimuliert. Aber auch diese Hoffnung auf späteren Lebenserfolg durch frühzeitig geknüpfte Synapsen führt an der komplexen Wirklichkeit des Gehirns vorbei.

Lernen scheint eher mit dem gezielten Ausschalten überflüssiger Nervenzellkontakte zu tun zu haben - bei der Entwicklung geistiger Fähigkeiten scheinen Synapsen eher zu verschwinden. Auch ist der Glaube, die ersten drei Lebensjahre seien die alles entscheidende Lebensphase, nicht in diesem Umfang gerechtfertigt. Die jetzt veröffentlichten Studien zeigen dagegen, wie "beweglich" und entwicklungsfähig das Gehirn bleibt.

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