Gesundheit : Spazieren gehen

Worüber sich die Experten streiten

Anja Kühne

Die Rechtschreibreform wird verändert – doch deswegen wird keine ihrer Regeln falsch und kein Schulbuch muss neu gedruckt werden. Das sagen die Kultusminister (wir berichteten). Es seien nur einige weitere Varianten zulässig geworden. Die Veränderungen am Reformwerk sollen die vorläufig letzten sein, bevor die Regeln für Schulen und Behörden am 1. August 2005 verbindlich werden. Dann endet die Übergangszeit, in der die alten Schreibweisen zwar als veraltet, nicht aber als falsch galten.

Werden die Kultusminister auf ihrer Sitzung in Mainz am Freitag die letzten Anpassungen wirklich verabschieden? Eigentlich wollten die Schulpolitiker das bereits im Frühjahr tun. Alles nur Routine, dachten sie. Denn die zwölf Experten der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung hatten bereits seit Jahren den Umgang der Deutschen mit der Reform beobachtet, Regeln angepasst und auch auf Kritik reagiert. Doch es gab einen Sturm der Entrüstung. Die Kritiker beklagten, die Schüler müssten jetzt wieder umlernen. Tausende Wörter würden gegenüber dem ursprünglichen Reformwerk geändert. Auch die Absicht der Politiker, kleine Veränderungen der Reform in Zukunft alleine der Kommission zu überlassen, verärgerte die Öffentlichkeit.

Im Frühjahr haben es die Kultusminister deshalb nicht gewagt, den Bericht zu verabschieden. Stattdessen sahen sie sich gezwungen, einen Teil der Kritiker in den Anpassungsprozess der Reform mit einzubinden: Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Doch die Gespräche zwischen der Kommission und der Akademie scheiterten: „Im Kern ging es nicht weiter, die Mitglieder der Akademie waren zu stur“, sagt Klaus Heller, der Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission. Die Mitglieder der Akademie hatten eine neue Ausarbeitung der Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung vorgelegt. „Dieser Text ist für das amtliche Regelwerk nicht geeignet“, heißt es jedoch in der Stellungnahme der Kommission. Es handle sich vor allem um eine Sprachbeschreibung, nicht aber um klare Handlungsanweisungen, die ein Regelwerk brauche. So hätten die Mitglieder der Akademie dafür plädiert, „kennenlernen“ und „spazierengehen“ wieder zusammenzuschreiben, als Ausnahme von der jetzt ohne Ausnahme gültigen Regel „Verb (Infinitiv) + Verb immer getrennt“. Andere Regeln wären sogar falsch geworden, hätte die Kommission der Akademie nachgegeben und Schreibungen wie „aufeinanderlegen, schlechtgehen oder fest nageln“ akzeptiert, argumentierten die Mitglieder der Kommission.

So sieht der vierte Bericht, den die Kultusminister jetzt verabschieden wollen und dessen Änderungen in die nächste Neuauflage der Wörterbücher eingehen werden, fast genauso aus wie die davor gültige Fassung. Auf keinen Fall werden die Schüler wieder umlernen müssen. Das sehen sogar Reformkritiker so, wie der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg (siehe Interview).

Trotzdem ist der vierte Bericht mit den letzten Änderungen zum Sargnagel der Zwischenstaatlichen Kommision geworden. Die Kultusminister beugen sich dem Druck. Nicht die Kommission, sondern ein neuer „Rat für deutsche Rechtschreibung“ soll die Sprache in Zukunft beobachten und in fünf Jahren die nächsten Anpassungen vorschlagen. Wer ihm angehören wird, ist noch ungewiss.

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