Gesundheit : Spiel der Hormone

Ungewollte Kinderlosigkeit oder schwere Akne: wie Funktionsstörungen der Eierstöcke die Körperabläufe durcheinander bringen

Adelheid Müller-Lissner

Fünf bis zehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter leiden am „Polyzystischen Ovarialsyndrom“ (kurz: PCOS). Konkret bedeutet das, dass sie ohne Behandlung meist keine Kinder bekommen können. Aber auch, dass viele von ihnen unter schwerer Akne, Haarausfall und vermehrter Körperbehaarung vom „männlichen“ Typ zu leiden haben.

Der Name, der sich als Sammelbezeichnung für das Leiden eingebürgert hat, führt eigentlich in die Irre, wie man inzwischen weiß. Denn was sich im Ultraschallbild als Veränderung der Struktur der Eierstöcke (Ovarien) zeigt, sind nicht Zysten, sondern zahlreiche kleine Eibläschen, die alle eine unreife Eizelle in sich tragen. „Diese größere Masse an Eibläschen haben die betroffenen Frauen schon von Geburt an. Ihre Eierstöcke haben also eine hervorragende Funktionsreserve“, erklärte jetzt beim 49. Symposium der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie in Münster der Gynäkologe Franz Geisthövel, Leiter des Centrums für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin der Uni Freiburg.

Trotzdem können viele von ihnen nicht schwanger werden, weil es während des – typischerweise deutlich verlängerten – monatlichen Zyklus nicht zur Reifung einer dieser Zellen und zum Eisprung kommt. Drei Viertel aller Frauen, die wegen eines fehlenden Eisprungs nicht schwanger werden, leiden unter PCOS.

Das charakteristische, „durchlöchert“ wirkende Bild der Eierstöcke zeigt sich im Ultraschall aber nur bei etwa 70 Prozent der Patientinnen, bei denen die Diagnose PCOS gestellt wird. Im „Rotterdam Konsensus“ haben sich die Experten im Jahr 2003 darauf geeinigt, die Bezeichnung auch zu verwenden, wenn nur zwei von drei Kriterien erfüllt sind: Vermehrte Anzahl von Eibläschen in den Eierstöcken, Störungen des Zyklus mit fehlendem Eisprung und vermehrte Einwirkung männlicher Hormone. Kritiker bemängeln, dass gerade dieser hormonelle Part schwammig und schwer zu objektivieren ist. Was auf Haut und Haar wirkt, ist oft zudem weniger ein tatsächlich erhöhter Hormonspiegel als eine erhöhte Empfindlichkeit für männliche Hormone. Geisthövel plädierte deshalb dafür, den Begriff PCOS, mit dem „alles in einen Topf geworfen“ werde, ganz aufzugeben und feinere Unterscheidungen zu treffen.

Auf jeden Fall sind für die Symptome, die sich hinter dem Label PCOS verbergen, Ärzte verschiedener Fachrichtungen zuständig. „Da sich die Erkrankung über viele unterschiedliche Symptome äußert, müssen bei der medizinischen Behandlung Frauenärzte, Spezialisten für Innere Medizin, Hormonspezialisten, Hautärzte und Ernährungsberater zusammenarbeiten“, sagte Tagungspräsident Ludwig Kiesel, Direktor der Uniklinik für Frauenheilkunde in Münster.

Die Gynäkologen sind in der Behandlung besonders wichtig: Gegen die unerwünschten Einflüsse der Androgene auf Haut und Haar wie Akne, Haarausfall und vermehrte Körperbehaarung kann oft die „Pille“ helfen. Bei Kinderwunsch kommen häufig Hormone zum Einsatz, die die Eierstöcke stimulieren, manchmal aber auch eine Befruchtung der Eizelle außerhalb des Körpers („In-vitro-Fertilisation“). Geisthövel wies darauf hin, dass die Eierstöcke der Frauen mit PCOS besonders empfindlich auf die Hormongabe reagieren. Das gefürchtete Überstimulierungssyndrom und gehäufte Mehrlingsschwangerschaften sind die Folge, wenn die Dosis bei ihnen nicht besonders vorsichtig gewählt wird.

Fast die Hälfte der Frauen, bei denen PCOS diagnostiziert wird, sind schon in jungen Jahren übergewichtig und leiden unter Auffälligkeiten in der Regulation des Blutzuckers. Das Risiko, später einen Diabetes Typ 2 zu entwickeln, ist bei ihnen siebenfach erhöht. Seit das Übergewicht in der Bevölkerung zunimmt, nimmt auch PCOS deutlich zu. Die komplizierten Wechselwirkungen und Querverbindungen zwischen dem Hormon Insulin, das der Produktion männlicher Hormone Vorschub leisten kann, und den Geschlechtshormonen sind für die Endokrinologen ein faszinierendes Forschungsgebiet geworden.

So hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass das Diabetesmittel Metformin nicht allein auf den Blutzucker, sondern auch auf die Regulierung des Zyklus und sogar auf Haut und Haar Einfluss nimmt. In Studien wird jetzt weltweit geprüft, ob alle PCOS-Patientinnen das Diabetes-Medikament nehmen sollten.

Schon lange ist bekannt, dass PCOS-Symptome in manchen Familien oft vorkommen. Inzwischen ist auch mehr über eine häufige genetische Variante herausgefunden worden, die mit PCOS einhergeht. Der Reproduktionsmediziner Andreas Schüring von der Uni Münster stellte auf dem Kongress seine Untersuchungen zu einem Gen vor, das die Andockstellen für männliche Geschlechtshormone moduliert. Finden sich in einem Abschnitt des X-Chromosoms (in Exon 1) zahlreiche Wiederholungen einer Sequenz dieses Androgen-Rezeptor-Gens, die eine geringere Aktivität der Androgen-Andockstelle bewirkt, dann scheint das vor PCOS zu schützen. Jedenfalls fanden sich bei Gesunden längere Wiederholungsstücke als bei Frauen, die die verschiedenen Symptome des PCOS zeigten. Die Ergebnisse könnten dafür sprechen, dass das Syndrom mit den vielfältigen Ausprägungsformen doch einen einheitlichen genetischen Hintergrund hat. Nun fehlen noch Untersuchungen, die erklären, warum die Ausprägungen von PCOS trotzdem so verschieden sind.

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