Gesundheit : Spielbergs Shoa-Archiv in Berlin

Die FU macht Interviews mit Zeitzeugen zugänglich

Amory Burchard

„52 000 Stimmen von Überlebenden der Shoa werden hier in Berlin zu hören sein.“ Douglas Greenberg, Direktor des an der University of Southern California (USC) angesiedelten Instituts für visuelle Geschichte und Pädagogik der Shoa Foundation, war sichtlich bewegt, als er gestern das neue „Visual History Archive“ an der Freien Universität Berlin (FU) vorstellte. Die Shoa Foundation wurde 1994 von dem amerikanischen Regisseur Steven Spielberg gegründet, um Zeitzeugenberichte von Holocaust-Überlebenden in aller Welt aufzuzeichnen. In diesem Jahr wurde die Stiftung Teil der USC, die das Material bislang ausschließlich Wissenschaftlern in den USA zur Verfügung stellte – am eigenen Institut und an fünf weiteren Hochschulen.

Die Freie Universität ist nun die erste Universität in Europa, die dieses größte historische Videoarchiv weltweit Wissenschaftlern, Studierenden, Lehrern und Schülern zugänglich machen wird. Den Kontakt zu Steven Spielberg und der Shoa Foundation habe die Alumni-Vereinigung der FU in den USA hergestellt, sagte FU-Präsident Dieter Lenzen. Die „Friends of Freie Universität Berlin“ beteiligen sich auch an der Finanzierung eines Teams aus Politologen, Historikern und Medienfachleuten, die das Archiv am Center für Digitale Systeme der FU (Cedis) betreuen. In den nächsten Tagen bieten sie erste Workshops an, in denen Mitarbeiter der Universität sowie Wissenschaftler und Pädagogen von anderen Hochschulen, Museen und Gedenkstätten in die Arbeit mit dem Zeitzeugenarchiv eingeführt werden. Die 52 000 zwei- bis dreistündigen Interviews mit Überlebenden und anderen Zeugen des Holocaust können unter anderem über eine Personensuche mit 1,2 Millionen Namen und über 50 000 Schlagwörter erschlossen werden.

Die differenzierte Verschlagwortung mache die Arbeit mit dem Videoarchiv sehr wertvoll, sagte Norbert Kampe, Leiter der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, dem Tagesspiegel. Dass das Material mittlerweile so gut erschlossen sei, kompensiere auch Mängel des Archivs. Wissenschaftler hatten immer wieder die „passive“ Haltung der Interviewer kritisiert, die die Zeitzeugen ihre Lebensgeschichte erzählen ließen, ohne gezielt nachzufragen und etwaige historische Ungenauigkeiten zu korrigieren. Hajo Funke, Politologe am Otto-Suhr-Institut der FU, sagte, das Archiv sei eine wichtige Quelle, um beispielsweise etwas über bislang nicht erforschte Arbeits- und Vernichtungslager zu erfahren. Darüber hinaus könnte die Analyse der Interviews auch einen wichtigen Beitrag zur Traumaforschung leisten, zeigen, wie die Lager auf die Opfer wirken und wie sie diese Erfahrungen verarbeitet haben.

Mit Material des „Visual History Archivs“ arbeitet schon heute Claudia Schoppmann, Mitarbeiterin des Projekts „Stille Helden“ an der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. „Ein toller Fundus“ seien die 90 Interviews mit Juden, die in der NS-Zeit in Berlin und anderen deutschen Städten versteckt wurden – und mit ihren Helfern, sagte Schoppmann.

Zugang zu dem Archiv haben zunächst alle Mitarbeiter und Studierenden der FU, die beim Rechenzentrum der Uni angemeldet sind. Einloggen können sich auch „eingetragene Gastwissenschaftler“. Wie sich andere Interessierte anmelden können, die wissenschaftlich oder pädagogisch mit dem Material arbeiten wollen, werde in den nächsten Wochen auf der Homepage des Archivs bekannt gegeben, sagte Cedis-Leiter Nicolas Apostolopoulos. Sein Team bereite auch Konzepte vor, nach denen Hochschullehrer und Schulen das Material in Seminaren und im Unterricht nutzen können. Über einen Zugang für Privatpersonen werde nachgedacht. Allerdings müsse ein Missbrauch der sensiblen Daten – die Zeitzeugen berichten nicht nur aus ihrem Leben, sondern sprechen auch über Schicksalsgenossen und Täter – ausgeschlossen sein, sagte FU-Präsident Lenzen.

Informationen im Internet: www.vha.fu-berlin.de

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