Gesundheit : Spitzenforschung am OSI

Die Max-Planck-Gesellschaft zeichnet den Berliner Politologen Thomas Risse aus

Juliane von Mittelstaedt

Der Weg des Dekans in sein Büro dauert an diesem Morgen etwas länger. Denn das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität, kurz OSI, ist besetzt, Streikposten verwehren den Einlass in die Hochschule. Und so muss sich auch Thomas Risse am Eingang einen Passierschein aushändigen lassen. Die Studenten protestieren gegen die Einsparungen an ihrem Fachbereich, die Streichung von Professuren und damit auch Studienplätzen.

Und am Abend bekommt der selbe Thomas Risse als einer von zwölf Spitzenwissenschaftlern den mit 125 000 Euro dotierten Forschungspreis der Max-Planck-Gesellschaft verliehen – im eleganten Harnack-Haus, das auf dem Campus der Freien Universität nur wenige Schritte vom OSI entfernt ist. Als einer von zwei Geisteswissenschaftlern neben zehn Natur- und Lebenswissenschaftlern. Zwei Ereignisse an einem Tag, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Auf der einen Straßenseite Applaus für Spitzenforschung, auf der anderen Proteste gegen Bildungskürzung.

Der Forschungspreis solle „Zeichen für die Zukunft setzen und die Einheit der Wissenschaft über Grenzen hinweg sichtbar und wirksam werden lassen“, erklärt der Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft, Rüdiger Wolfrum. Wolf-Dieter Dudenhausen, Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, bekräftigt: „Internationalität ist der Motor für Reformen und neue Ideen.“ Draußen blockieren noch immer die Studenten das Institut.

Der soeben als herausragender Forscher ausgezeichnete Thomas Risse steht genau zwischen diesen beiden Extremen. Er kämpft dafür, dass sein Institut bei den Kürzungen halbwegs ungeschoren bleibt, und lebt internationale Spitzenforschung vor. Seit er vor zwei Jahren auf die Professur für Internationale Politik am Otto-Suhr-Institut berufen wurde und die Leitung der „Arbeitsstelle Transatlantische Außen- und Sicherheitspolitik“ übernommen hat, versucht er, das Institut umzukrempeln und international attraktiv zu machen – seit dem Frühjahr auch als Dekan des Fachbereichs. So hat Risse sich unter anderem für den gerade gestarteten Master-Studiengang „Internationale Beziehungen“ stark gemacht. Über hundert Bewerbungen aus aller Welt sind für die 30 Plätze des kurzfristig ausgeschriebenen Studiengangs eingegangen, der ein Vorbild für die Internationalität der FU sein soll: Jeder fünfte Student kommt aus dem Ausland, drei von vier deutschen Studenten haben im Ausland studiert.

„Internationalität“ ist der rote Faden in Risses akademischer Laufbahn, der jetzt für seine Forschung zu „Global Governance“ ausgezeichnet wurde. Unter diesem Stichwort, erklärt Risse, versuche die internationale Politik, mit den menschenrechtlichen, sozialen und umweltpolitischen Folgen der Globalisierung umzugehen. Die zentrale Frage: Wie kann zukünftig ohne die Existenz eines Staates klassischer Prägung politische Ordnung hergestellt werden? „Neue Formen des Regierens in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ ist der Titel eines Sonderforschungsbereichs, den Risse demnächst bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragen will. Vom Preisgeld der Max-Planck-Gesellschaft will er gemeinsam mit der amerikanischen Stanford-Universität ein internationales Forschungsprojekt ins Leben rufen.

Und wenn der internationale Wissenschaftler Thomas Risse, mit 47 Jahren momentan der jüngste Professor am Institut, vor die Tür tritt, dann trifft er wieder auf die streikenden Studenten. „Im Gegensatz zu anderen Fachbereichen sind wir beim Stellenstreichen gut weggekommen“, sagt er. Sparpolitik und Spitzenforschung an einem Tag miteinander zu verbinden, fällt trotzdem schwer. Vor allem einem, der an den Universitäten von Cornell, Yale und Wyoming, Konstanz und Florenz gelehrt und in der internationalen Wissenschaftslandschaft herumgekommen ist. Warum ist er ausgerechnet ans OSI gekommen, dessen innere Verfassung in den letzten Jahren nicht eben die beste war? „Weil ich hier unglaubliche Möglichkeiten habe, etwas auf die Beine zu stellen.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben