Gesundheit : Spontaner Protest

Der drohende Irak-Krieg mobilisiert viele Studenten – trotz Sorgen um den Job

Juliane von Mittelstaedt

Das alte Europa scheint so jung wie nie zuvor. Was zunächst aussah wie ein Comeback der in die Jahre gekommenen Friedensbewegung, bedeutet paradoxerweise auch für viele junge Leute den Einstieg in den Protest. Mit krakelig gemalten Pappschildern zogen sie am vergangenen Samstag los, in Gruppen und allein, um in Berlin gegen den Krieg zu demonstrieren. Für viele war es die erste Demonstration ihres Lebens.

„Es waren besonders viele Gymnasiasten dabei, die sind frischer, unverbrauchter und moralisch leichter zu empören als die Studierenden“, hat Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) beobachtet.

Eines steht für ihn fest: Studentische Protestformen spielen beim Demonstrieren gegen den Krieg keine Rolle. Stattdessen dominierten sie, wenn es um eher „linke“ Themen gehe, wie Anti-Atom, Dritte Welt oder Globalisierung. Da seien viele in Bündnissen assoziiert. Das unterscheide sie von den Antikriegs-Demos. „Das war ein ganz spontaner, persönlicher Protest.“ Eine neue Studentenbewegung wird daher aus dem Protest gegen den drohenden Irakkrieg wohl nicht werden, urteilt Rucht aus seiner Erfahrung mit den Protesten 1969.

„Sicher ist, dass es ein sehr individueller Protest war“, urteilt auch der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Humboldt-Universität. Unter seinen Studenten bemerkt er eine „große Ernsthaftigkeit und mehr Reflexion als früher“ – bei ungebrochenem Interesse. Allein an seinem Seminar zu Bürgerkriegen nahmen 150 Studenten teil, viele davon bei Hilfsorganisationen engagiert. „Mir fällt auf, dass Studenten sich nicht mehr als Gruppe und politischer Faktor wahrnehmen", schildert Münkler seine Eindrücke. Engagement ja – aber nicht an der Universität. „Es hat eine stärkere Einbettung in die Zivilgesellschaft stattgefunden, deshalb kann der Student auch Seit’ an Seit’ mit dem Opa oder dem Bankmanager demonstrieren.“

Der Protestexperte Rucht glaubt, dass gerade bei den älteren Studenten ein abgeklärter Zynismus herrsche, nach dem Motto: Ändert sich ja doch nichts. Lieber wende man sich „neuen“ Themen und Protestformen zu, siehe Genua und Florenz. Politisches Desinteresse sieht er daher nicht. „Früher waren einfach die Freiräume des Studiums größer, da konnte man vierzehn Semester an der Uni verbringen und brauchte sich trotzdem keine Sorgen um einen Job zu machen.“ Heute sei der Druck groß, Praktika zu machen und zu jobben. „Da bleibt wenig Zeit, sich einmal die Woche bei Amnesty zu engagieren."

Das glaubt auch Informatikstudent Jan Sievers: „Uni und Politik erfordern enorm viel Energie.“ Er ist Mitglied der Attac-Gruppe an der Humboldt-Universität und war bei den Protesten in Florenz und Kopenhagen dabei. Für den 15. Februar hat der Student eine eigene Website entworfen. „Viel Arbeit“, seufzt er. Seit zwei Jahren trifft er sich regelmäßig mit seiner Attac-Gruppe und konstatiert bei seinen Kommilitonen viel Interesse, aber wenig dauerhaftes Engagement.

„Bei Riesenevents können wir enorm viele Studenten motivieren, aber jede Woche ein Organisationstreffen? Das will fast keiner.“ Daher schrumpft die Studentenschaft nach jeder Aktion wieder auf einen Kern von maximal hundert Aktiven, die im Rahmen von Attac-Gruppen und Antikriegskomitees weitere Proteste an den Hochschulen vorbereiten, zu Podiumsdiskussionen einladen, Teach-Ins veranstalten oder Plakate kleben. „Der Kreis der Interessierten springt erst auf, wenn es losgeht.“

Und die anderen Studenten? Die Unorganisierten, die Nicht-Politikstudenten, die Nicht-Attacies – gibt es da noch ein Wir-Gefühl des Protests?

„Das größte Problem ist, dass wir uns nicht als Gruppe sehen, sondern eher als Konkurrenz“, meint Sievers. Es sehe so aus, dass die aktiven Gruppen immer nur eine kleine Schar von Individualisten seien, deren kleinster gemeinsamer Nenner aus der Ablehnung des Krieges besteht. Wie bei den diversen Antikriegskomitees der Hochschulen, meist kunterbunte Bündnisse, wo sich Globalisierungskritiker, Marxisten und Friedensbewegte ihr Protest-Süppchen zusammenrühren. „Ich glaube aber, dass solche Riesenevents unter den Studenten ein Gefühl der Zusammengehörigkeit schaffen“, gibt sich Jan Sievers sicher. „Individualismus, fehlende Visionen und Mutlosigkeit“ macht Politikstudent und Attac-Mitglied Nicolaus Schütte von der Freien Universität Berlin als Ursache für die Ruhe an den Universitäten aus. Letztes Wochenende war er in München, um anlässlich der Sicherheitskonferenz gegen die „amerikanische Kriegspolitik“ zu demonstrieren. Da gäbe es schon einen tollen Zusammenhalt – aber eben nur unter den wenigen Aktiven.

Aufgeheizte Stimmung für eine lautstarke Antikriegs-Bewegung an den Universitäten liege jedoch nicht in der Luft, findet sogar das Attac-Mitglied Jan Sievers. Abgesehen davon, dass gerade die Semesterferien beginnen, herrsche dort Totenstille. Selbst die studentischen Gremien sagen zum Krieg nichts. Aber, so der tatkräftige Optimist: „Man weiß ja nie.“ Für den „Tag X“ sind daher Versammlungen und spontane Demonstrationen geplant. Da werde man viele Studenten mobilisieren können. Und trotz allem hofft er: „Wenn Schröder einknickt, dann brennt hier die Luft.“

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