Gesundheit : Sprachkenntnisse: Zwei Fremdsprachen als Soll für jeden Europäer

Heiko Schwarzburger

Die Berliner Schüler verfügen nach Ansicht von Schulsenator Klaus Böger (SPD) nur über ungenügende Fremdsprachenkenntnisse. Der Unterricht mache noch zu wenig "heimisch in der europäischen Gemeinschaft", kritisierte Böger auf einem Kongress von Sprachlehrern und Philologen an der Humboldt-Universität. Die Schüler würden nicht ausreichend darauf vorbereitet, in Zukunft auch in einem anderen Land zu arbeiten. Wichtige Themen wie Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien spielen im Sprachunterricht kaum eine Rolle. Die Kenntnis mehrerer Sprachen werde aber immer mehr zu einer Schlüsselqualifikation der schulischen Bildung.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) regte an, schon in der Grundschule mit Fremdsprachen zu beginnen. "Zwei bis drei Jahre reichen aus, um die wichtigsten Grundkenntnisse in einer Sprache zu vermitteln", sagte er. "Danach könnte man weitere Sprachen anbieten. Die Vertiefung der Kenntnisse erfolgt später im Studium und im Berufsleben."

Die Europäische Union hat das Jahr 2001 zum "Europäischen Jahr der Sprachen" erklärt. Brüssel fordert, dass europäische Bürger neben ihrer Muttersprache künftig mindestens zwei Fremdsprachen beherrschen sollen. Mit der geplanten Ausdehnung der Union auf Osteuropa, das Baltikum und Südosteuropa wird sich das Sprachengewirr in der EU weiter vergrößern. Nikolaus van der Pas von der Generaldirektion für Bildung und Kultur der Europäischen Kommission proklamierte "ein Europa der Regionen", in dem regionale Traditionen und kulturelle Eigenheiten stärkeres Gewicht erhalten müssten. Wenn Regionen ihre Sprachen und Dialekte stärken wollten, müsse aber zugleich die Kompetenz der Bürger wachsen, auf Menschen anderer Regionen zuzugehen.

Die Sprachwissenschaftler forderten daher, an den Schulen eine "Fremdsprachen-Offensive" zu starten. "Konkret sollten in der Grundschule Englisch oder eine andere Weltsprache unterrichtet und am Gymnasium bis zu vier Fremdsprachen angeboten werden", empfahl Heinz Durner, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. "Im Abitur plädieren wir für zwei Fremdsprachen, von denen eine Prüfungsfach sein muss." Künftig müssten auch bislang vernachlässigte Weltsprachen wie Chinesisch, Arabisch, Portugiesisch oder Russisch stärker gefördert werden.

Die Abwahl ist vorprogrammiert

Nach Auffassung der Experten ist es völlig falsch, Stundentafeln anzubieten, mit denen die Abwahl von ohnehin nur wenigen Fremdsprachen vorprogrammiert werde. Effektiver Sprachunterricht lässt sich auch nicht mit Klassenstärken von mehr als 20 Schülern erreichen. Lerntechniken mit Einsatz von Computer und Internet haben sich nur begrenzt als hilfreich erwiesen, da sie kulturelle Aspekte weitgehend ausschließen und das Sprachenangebot auf Englisch einengen. Diese Verarmung schlägt auf alle Fremdsprachen durch: In den vergangenen Jahren ist der Anteil an Literatur und Länderkunde im Fremdsprachenunterricht stetig gesunken, über alle Schulformen hinweg.

Um diesem Trend entgegen zu wirken, führte beispielsweise das Bundesland Bayern kürzlich ein deutsch-französisches Doppelabitur ein, in dem die Gymnasiasten neben Lexik und Grammatik umfangreiche Kenntnisse in französischer Geschichte und Kultur erhalten. Wie die bayerische Kultusministerin Monika Hohlmeier berichtete, läuft dieser Versuch derzeit an 50 ausgewählten Gymnasien. An den französischen Partnerschulen vertiefen sich die Schüler in die Eigenheiten der deutschen Gesellschaft. Das Doppelabitur wird auf beiden Seiten der Grenze voll anerkannt.

Die Philologen und Sprachlehrer plädierten dafür, fremdsprachige Kultur und Literatur zum Schwerpunkt der Sprachenausbildung an Gymnasien zu erheben. Sie könne damit weit über einfache Sprachfähigkeiten hinaus führen. Gymnasialer Fremdsprachenunterricht sei außerdem interdisziplinär angelegt und spiele eine Schlüsselrolle bei der Verwirklichung fächerübergreifender Lernziele, hieß es in einem Thesenpapier zum Kongress.

Kernfach Latein

Der Philologenverband unterstrich nachdrücklich den besonderen Stellenwert der so genannten "alten Sprachen". So könne Latein als europäisches Kernfach die Kenntnisse in modernen Fremdsprachen bündeln. Damit verbunden werden sollte die Einführung der neugriechischen Sprache.

Berlins Wissenschaftssenator Christoph Stölzl (CDU) hingegen schlug vor, das Englische als historisch gewachsene Liaison aus romanischen und germanischen Sprachen zu begreifen. "Wir müssen diese neue Lingua franca annehmen", sagte er. Innerhalb weniger Jahrzehnte habe diese Sprache ihre Durchsetzungskraft bewiesen. Bereits 90 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen würden heute in englischer Sprache veröffentlicht. Deutsch oder Latein spielen in der Wissenschaft kaum noch eine Rolle.

In seiner Rede warnte Stölzl auch ausdrücklich davor, anspruchsvolle Sprachausbildung nur künftigen Gymnasiasten und Studenten vorzubehalten. "Es ist Unsinn, ausschließlich auf die akademischen Eliten zu setzen", meinte er. "Wissenschaft und Bildung sind in der modernen Welt die einzigen Produktivfaktoren, die eine Zukunft haben." Das gelte für jeden Bürger, also auch für Berufsschüler oder ältere Menschen. Stölzl regte an, Fremdsprachen zur lebenslangen Lernaufgabe zu machen.

Angesichts der zunehmenden Internationalisierung des Alltags kommt dem Sprachenunterricht eine wichtige soziale Funktion zu: Schulsenator Klaus Böger sieht die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche zu Analphabeten in zwei Sprachen heranwachsen. Jugendliche aus Neukölln, Wedding oder Kreuzberg redeten weder Deutsch noch Türkisch oder Arabisch. Sie bedienten sich vielmehr eines "Sprachkonstrukts, das in keinen Schulbüchern auftaucht". "Dort tickt eine Zeitbombe", prophezeite der Schulsenator. Diese Jugendlichen hätten es in der Schule schwer und erhielten selten einen qualifizierten Abschluss. Um die Herausbildung von "Parallelgesellschaften" zu verhindern, müsse die Politik mit geeigneten Integrationsstrategien entgegenwirken.

Ein solcher Zusammenhang zwischen der Muttersprache und Fremdsprachen gilt auch für deutsche Schüler. Die Qualität des Deutschunterrichtes ist eine wesentliche Basis für kommunikative Fähigkeiten in anderen Sprachen. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse rief deshalb die Deutschlehrer dazu auf, den Jugendlichen ihre eigene Sprache stärker als bisher bewusst zu machen. Zugleich nahm er Journalisten, Politiker, PR-Strategen und Wirtschaftsfunktionäre in die Pflicht, auf "inhaltsleere Plastikworte" zu verzichten. "Wir brauchen nachahmenswerte Vorbilder im öffentlichen Sprechen", sagte er. "Sprache bedeutet Heimat, mehr als vieles andere."

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