Gesundheit : Sprachwissenschaft: "Alle zwei Wochen stirbt eine Sprache"

Die Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft hat einen besseren Deutschunterricht in den Schulen gefordert. Dazu benötige man kein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache vor Überfremdung. Die Verbandsvorsitzende Angelika Redder appellierte auf der Jahrestagung der Gesellschaft in Leipzig an die Kultusministerien, den Ausbildung der Schüler zu verbessern. Auch das sprachwissenschaftliche Studium der Lehrer dürfe nicht gekürzt werden.

Redder wandte sich gegen die Forderung, die deutsche Sprache mit einem Gesetz schützen zu wollen. "Ich finde solche sprachpuristischen Vorschläge unangemessen", sagte sie. "Mit juristischen Mitteln ist nichts zu bewirken." Sprachen lebten von Sprachkontakten und Begegnungen. Lateinische, griechische und französische Fremdwörter hätten die deutsche Sprache in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder bereichert. "Und jetzt ist es eben die englische Sprache", sagte Redder.

Bundespräsident Johannes Rau und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse hatten wiederholt einen zu großen Anteil von Anglizismen und Amerikanismen in der deutschen Sprache kritisiert. Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU) verlangte sogar ein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache.

Redder wandte sich jedoch gegen Überlegungen an den Hochschulen, die deutsche Sprache durch Englisch zu ersetzen. Es gebe Bestrebungen, Englisch als dominante Wissenschaftssprache zu etablieren und Vorlesungen nur noch in Englisch zu halten. "Deutsch muss als Wissenschaftssprache erhalten bleiben", forderte sie. Wenn Englisch sich in Europa als zentrale Sprache durchsetzen sollte, verwandelten sich die Nationalsprachen in Dialekte. "Sonst sprechen wir die Muttersprache nur noch in der Familie", sagte sie. "Dann haben wir eine Situation, wie sie in ehemaligen Kolonialländern normal ist."

Internet als Ursache zweitrangig

Nach Angaben von Hans-Jürgen Sasse von der Universität Köln ist bereits mehr als die Hälfte von ehemals 15 000 Sprachen ausgestorben. "In 100 Jahren wird von den derzeitig 6000 Sprachen nur noch jede Zehnte überlebt haben", sagte Sasse. "Holländisch etwa werde schon bald aussterben." Besonders bedroht sind seien Indianersprachen, australische Sprachen und europäische Dialekte. "Wir haben viele Sprachen, die nur noch von zehn Menschen gesprochen werden, die auch schon meist älter als 60 Jahre sind." Das Internet sei jedoch als Ursache für das Sterben von Sprachen nur zweitrangig.

In einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt" stellte der führende britische Linguist David Crystal fest, dass durchschnittlich "alle zwei Wochen eine Sprache" sterbe. Dies sei in der Geschichte bislang einmalig, so der Wissenschaftler. Zwar seien Sprachen schon immer gestorben, "aber noch nie so viele so schnell". Besonders der "globale Trend zur kulturellen Anpassung", aber auch Naturkatastrophen und Epidemien sind laut Crystal für diese Entwicklung verantwortlich. Betroffen seien alle Gebiete der Erde. "Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Russisch, Chinesisch und Arabisch können andere Sprachen schnell niederwalzen. Sie bieten oft einen höheren Lebensstandard. Viele Regierungen stehen Minderheitensprachen feindlich gegenüber".

An der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft nahmen 700 Wissenschaftler aus aller Welt teil.

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