Gesundheit : Sprich mit mir

Wie sag ich’s dem Patienten? Der Arzt sollte Krebskranke auch als Gesprächspartner ernst nehmen

Rosemarie Stein

Die Patientin war nach dem letzten Stand der Wissenschaft in einer renommierten Krebsklinik vorzüglich behandelt worden. Nach der Entlassung kam sie in die Praxis ihres Hausarztes und sagte: „In diese Klinik setze ich keinen Fuß mehr – weil sie nicht mit mir reden.“ Dieses Zitat löste sichtlich Betroffenheit aus in dem Saal voller Onkologen, die sich kürzlich beim Deutschen Krebskongress mit der Frage befassten, wie sie ihre Patienten besser beraten könnten.

Dass intensive Gespräche und das Gefühl sozialen Rückhalts sich positiv auf den Zustand und sogar die Lebensdauer Krebskranker auswirken, zeigten schon in den achtziger Jahren Studien amerikanischer Wissenschaftler, an der Spitze David Spiegel. Konsequenzen zog man daraus kaum.

„Patienten als Partner“ – das ist erst vereinzelt Realität, wie ein Jenaer Modellprojekt zeigte, das auf dem Kongress vorgestellt wurde und zunächst aus einer Befragung bestand. Mehr als die Hälfte der Patienten, noch unter dem Schock der Diagnose eingeliefert, fühlte sich ausgeliefert, nicht nur der Klinik, sondern dem ganzen Medizinbetrieb.

Mit der fachlichen Versorgung (soweit sie sie beurteilen können) sind Krebskranke meist zufrieden, nicht aber mit der Art, wie man mit ihnen umgeht und wie die an ihrer Behandlung Beteiligten zusammenarbeiten (schlecht). Das ergaben die – relativ wenigen – Untersuchungen über die Bedürfnisse der Patienten; auch eine neue Studie, über die jetzt die Freiburger Psychologin Ulrike Heckl berichtete.

Auch viele andere Patienten fühlen sich im Medizinbetrieb unwohl, weil man sie als Objekte behandelt. Aber Krebskranke trifft die Kommunikationsunfähigkeit besonders. Warum, das erläuterte Herbert Kappauf, der nach 25-jähriger Arbeit als Krebsspezialist am Klinikum Nürnberg jetzt in einer Starnberger onkologischen Schwerpunktpraxis tätig ist. Eine Krebskrankheit wird doppelt zwiespältig erlebt: Im Frühstadium spürt man sie körperlich meist gar nicht, erlebt sie aber psychisch sehr stark.

Eine anstrengende Chemo- oder Strahlentherapie hingegen wird als Krankheit empfunden, auch wenn sie sehr erfolgreich war. Der Krebsarzt wird dann zugleich als „Retter“ und „Täter“ erlebt.

„Wenn wir das Erleben des Patienten nicht ernst nehmen, kommt unsere Information nicht an“, sagt Kappauf. Nur der informierte Patient kann Ängste und Depressionen überwinden und an der Behandlung wirksam mitarbeiten. Also muss er fragen, fragen, fragen. Und der Arzt sollte nach den Hauptproblemen der Kranken forschen, ihre Sicht kennen lernen, ermitteln, was sie wissen wollen und was sie verstanden haben.

Denn Informationen gibt es im Überfluss und von sehr unterschiedlicher Qualität, vor allem in den Medien und im Internet. Patienten haben heute das Recht, ihre Krankenakten einschließlich des Arztbriefes einzusehen. Das kann aber mehr beunruhigen als Sicherheit geben, wenn nicht der Arzt mit dem Kranken darüber spricht – ein Gespräch, das in ein „therapeutisches Bündnis“ münden sollte.

„Von der Information zur Kommunikation“ hieß denn auch der Vortrag des Krebsspezialisten Kappauf. Wichtig für die Krankheitsverarbeitung ist es, dass gleich das erste Gespräch über die schwerwiegende Diagnose und ihre Bedeutung für das Leben des Krebskranken auch auf emotionaler Ebene gelingt. Das ergaben verschiedene Studien. Noch vier Jahre nach einem unbefriedigenden Gespräch mit der Diagnosemitteilung waren 17 von 27 Merkmalen für „Lebensqualität“ schlechter als nach einer guten Aussprache. Diese sollte möglichst in Anwesenheit einer Bezugsperson stattfinden und den Patienten behutsam auf die Diagnose Krebs vorbereiten.

Das Wort Krebs soll der Arzt aber nicht vermeiden. Denn die Mitteilungen müssen verständlich und verlässlich sein. Die Krankheit darf nicht bagatellisiert werden, der Arzt soll Hoffnung auf realistischer Basis vermitteln. Und er sollte auch nach den Gefühlen des Patienten fragen. Der Umgang damit fällt vielen Ärzten schwer, sagt Kappauf. Sie haben es nicht gelernt - aber „kommunikative Kompetenz“ lässt sich erwerben. In der Schweiz gehört das zur onkologischen Zusatzqualifikation der Ärzte.

Viele Patienten wollen heute über ihre Therapie mitentscheiden. Gerade bei Krebskranken muss der mögliche Nutzen einer Behandlung gegen mögliche Schäden abgewogen werden, vor allem dann, wenn Heilung auf Dauer nicht zu erwarten ist, wohl aber ein Aufschub oder die Besserung durch palliative – lindernde – Therapie.

Dann fragt Kappauf seine Patienten auch, ob sie einen Nutzen der Behandlung spüren. Aus dem ärztlichen Auditorium kam eine ungläubige Rückfrage: „Sie fragen die Patienten wirklich, ob ihnen die Behandlung nützt?“

Palliative Therapie wird den Ärzten zunehmend schwer gemacht – durch ökonomische Zwänge. Die Linderung der Leiden chronisch Kranker kommt beim neuen Pauschalentgelt für die Krankenhäuser ebenso zu kurz wie in der ärztlichen Gebührenordnung für die ambulante Versorgung. Da bekommt der Arzt in seiner Praxis pro Quartal höchstens 50 Gesprächsminuten für jeden Schwerkranken honoriert, sagte Kappauf. Er findet das beschämend für die Ärzteschaft, denn nicht die Politik, sondern die Selbstverwaltung hat das so festgelegt. Haben schwer Leidende keine Lobby?

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