Gesundheit : Spuren der Gewalt

Röntgenbilder bringen versteckte Kindesmisshandlungen an den Tag

Adelheid Müller-Lissner

Knapp 3000 Fälle von Kindesmisshandlungen wurden in Deutschland im letzten Jahr angezeigt. Sicher ist, dass deutlich mehr Kinder unter der Gewalt von Erwachsenen zu leiden haben. Im Dunkeln bleiben die Fälle auch deshalb, weil die Verletzungen oft nicht sichtbar sind. „Nur etwa die Hälfte der Kinder, die misshandelt wurden, trägt äußerlich sichtbare Spuren davon“, sagte der Kinderradiologe Markus Uhl von der Uni Freiburg beim Deutschen Röntgenkongress letzte Woche im Berliner ICC.

Als Röntgenspezialist kann Uhl auch nach den inneren Spuren fahnden. Er und seine Kollegen sind deshalb mittlerweile in allen großen Zentren in die Ursachensuche eingebunden. „Zeugenaussagen sind beeinflussbar, ein Röntgenbild liefert den Beweis für eine Misshandlung schwarz auf weiß“, sagt der Kinderradiologe selbstbewusst.

Zum Beispiel bei dem Einjährigen, der von seiner Mutter mit einem gebrochenen Oberarm in die Klinik gebracht wurde. Die Ärzte wurden stutzig, weil auf der Röntgenaufnahme schon mehrere ältere Brüche zu sehen waren. Auch was die Mutter über den angeblichen Unfall berichtete, war nicht plausibel: Ein Kleinkind, das beim Laufenlernen hinfällt, bricht sich nicht so schnell den Arm. „Dem aufmerksamen Arzt erzählen die Knochen eine Geschichte, die zu erzählen das Kind zu jung oder zu eingeschüchtert ist“, schrieb schon 1962 Henry Kemp, einer der Pioniere dieses traurigen Sektors der Kinderheilkunde.

Oft sind die Knochen an ungewöhnlichen Stellen gebrochen, etwa an der Wachstumsfuge. Oder es ist schon mehrfach zu vergleichbaren Verletzungen gekommen. Im Fall des Einjährigen brachten die Ärzte schließlich in Erfahrung, dass das Kind bei früheren Gelegenheiten schon in anderen Kliniken mit gebrochenem Arm vorgestellt worden war. Dafür fehlten ihm wichtige Vorsorgeuntersuchungen, und es war nicht geimpft. Eine Magnetresonanztomografie (MRT) des Kopfes bestätigte den Verdacht, dass das Kind mehrfach misshandelt worden war.

Diese Methode liefert besonders präzise innere Spuren der Gewaltanwendung – Indizien, die auch vor Gericht Bestand haben. Bilder, die von Schäden in dem Organ berichten, das am gefährdetsten ist, wenn Erwachsene Gewalt anwenden: dem Gehirn. Auch ältere Verletzungen können mit MRT heute ziemlich genau datiert werden. „Blutungen heilen nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten“, erläuterte Uhl.

Wenn sie heilen. In drei von vier Fällen ist eine Verletzung des Gehirns der Grund dafür, dass ein Kind an einer Misshandlung stirbt. Meist wurde es zuvor von einem Erwachsenen heftig geschüttelt. „Shaken Baby Syndrome“ hat sich dafür als Fachbegriff eingebürgert. Es ist heute – in den eigentlich paradiesischen Zeiten, in denen die moderne Medizin für kleine Kinder lebensrettende Maßnahmen vom Impfen bis zu Operationen schwerer Fehlbildungen bereithält – die häufigste Todesursache bei Kindern unter zwei Jahren. „Die Täter erzählen später meist, es habe nur wenige Sekunden gedauert und das Kind sei friedlich eingeschlafen“, berichtete Uhl.

Tatsächlich hat das Kind schwere Verletzungen davongetragen, weil Gehirn und Schädelknochen durch unterschiedliche Beschleunigung auseinandergeschert sind. Durch die heftige Bewegung des schweren Kinderkopfes sind milliardenfach Nervenverbindungen abgerissen, Venen wurden auseinandergetrennt, Blutungen zeigen sich unter den Hirnhäuten, Blutergüsse drücken auf das Gehirn. Die Kinder, die den Gewaltakt überleben, tragen oft bleibende Nervenschäden davon, werden blind, taub oder gelähmt. Hauptrisikofaktor für das Schütteltrauma: Das Kind schreit und will nicht schlafen. Besonders gefährlich wird das, wenn die Mutter sehr jung ist, einen neuen Partner hat, das Kind nicht wollte.

Beim einfachen Sturz eines Babys vom Wickeltisch kann es praktisch nicht so weit kommen. Vor einigen Jahren wurden für eine Studie 4671 echte kindliche Stürze ausgewertet. Dazu gehörten auch Fälle, in denen kleine Patienten in einer Kinderklinik vom Wickeltisch gefallen waren. Nur 66 von ihnen hatten einen – immer unkomplizierten, nicht lebensbedrohlichen – Schädelbruch, nur 21 hatten geringfügige Gehirnblutungen erlitten.

Kein Vergleich mit den Zerreißungsverletzungen nach dem gewaltsamen Schütteln. Die MRT dokumentiert sie akribisch. Doch bei der Aufdeckung von Gewalt gegen Kinder kommt auch der Ultraschall zum Einsatz, etwa wenn es um Verletzungen im Bauchraum geht. Den Radiologen ist bewusst, dass hinter gehäuften Knochenbrüchen auch eine Krankheit stecken kann. Ein Verdacht muss deshalb umsichtig und in Teamarbeit abgeklärt werden. „Wir Radiologen liefern dafür heute aber einen entscheidenden Mosaikstein“, sagte Uhl beim Röntgenkongress.

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