Gesundheit : Staatsbibliothek rüstet sich für das Papierspaltverfahren aus

Uwe Schlicht

Zum 28. Juli des Jahres 2000, dem 250. Todestag von Johann Sebastian Bach, will die Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz das erste, in eigener Werkstatt restaurierte Autograph des berühmten Komponisten der Öffentlichkeit präsentieren. Um die Bachautographen in der Staatsbibliothek vor weiterer Zerstörung durch den Tintenfraß zu retten, hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz 1,2 Millionen Mark in die Errichtung einer neuen Werkstatt investiert.

Die Staatsbibliothek besitzt die größte Sammlung von Notenhandschriften von Bach und seiner Familie. Darunter so bekannte Werke wie die h-Moll-Messe, die Johannes Passion, die Matthäus Passion, die Kunst der Fuge. Allein 8000 Blätter von Bach werden Unter den Linden aufbewahrt und weitere Notenhandschriften wurden im Zweiten Weltkrieg ausgelagert und befinden sich heute in polnischem Besitz in Krakau. Kulturstaatsminister Michael Naumann will mit den Polen über deren Rückgabe verhandeln, kündigte er gestern bei der Präsentation der neuen Werkstatt an.

Von den in Berlin lagernden Notenblättern sind etwa 1400 so schwer geschädigt, dass sie nur noch durch das Papierspaltverfahren gerettet werden können. In der neuen Werkstatt der Stabi stehen daher Geräte für dieses Verfahren im Zentrum. Denn das Papierspalten, das seit Mitte der 60er Jahre in der ehemaligen DDR bis zur Perfektion entwickelt worden ist, hat sich als das einzige Verfahren herausgestellt, das bei den vom Tintenfaß schwer geschädigten Notenhandschriften von Bach sofort und nachhaltig hilft. Selbst Kulturstaatsminister Naumann bekannte sich gestern bei der öffentlichen Präsentation der neuen Werkstatt zu dem Papierspaltverfahren als der besten zur Zeit bekannten Methode. Jahrelang hatte die Stabi gezögert, dieses von Günter Müller in Jena und von Wolfgang Wächter in Leipzig perfektionierte Verfahren zu übernehmen. Das Motto war ausgegeben: keine Experimente am Patienten Bach. Nun ist der Durchbruch geschafft.

Das Problem sind die Eisen-Gallus Tinten, die seit über 1000 Jahren verwendet und mit Wasser, Wein oder Essig gemischt wurden - jeder hatte seine eigene Methode. So auch Johann Sebastian Bach. Im Laufe der Zeit setzen die Eisen-Gallus-Tinten Eisenionen frei, die die typische braune Rostfärbung im Papier erzeugen und die Noten unleserlich machen. Ein noch größere Problem steckt in diesen Tinten, wenn sie unter Feuchtigkeit Schwefelsäure freisetzen, die das Papier zerfrisst. Das Papier verliert an Haltbarkeit und Notenköpfe fallen heraus.

Beim Spaltverfahren wird zunächst auf Trägerpapier Gelatine aufgebracht, das unter Pressen auf die Vorder- und Rückseite des Notenblattes aufgedrückt wird. Die Gelatine fixiert die Eisen-Gallus-Tinte und bindet die Eisenionen. Danach werden die Vorder- und Rückseite der Notenhandschrift, die fest an dem Arbeitspapier mit der Gelatine kleben, von einander getrennt und in die Mitte wird ein hauchdünnes Stützpapier eingeklebt, das mit Kalciumkarbonat versehen worden ist. Durch das Kalziumkarbonat wird die weitere chemische Wirkung der zerstörenden Eisen-Gallus-Tinten beendet. Am Ende kommt das zusammengefügte Notenblatt noch in ein Enzymbad.

In der Staatsbibliothek sind jetzt die notwendigen Pressen, Arbeitstische sowie die verschiedenen Nassbehandlungsbecken installiert worden. Bei der Geräteausstattung hat sich die Staatsbibliothek von dem Leipziger Zentrum für Bucherhaltung beraten lassen. Dessen Chefrestaurator Wolfgang Wächter kommt zum Handspalten der Bachautographe zeitweilig nach Berlin. Weil jedes Einzelstück genau vorher untersucht werden muss und eine spezielle Behandlung erfordert, ist jahrelange Erfahrung erforderlich. Deswegen trainieren die von Wächter geschulten Restauratoren der Stabi jetzt zunächst mit Notenhandschriften aus dem 18. Jahrhundert, die ebenfalls vom Tintenfraß und Papierzerfall bedroht sind, aber als Abschriften für Orchester nicht den Wert wie Originale besitzen. Zu Beginn des Jahres 2000 wird Wolfgang Wächter die hiesigen Restauratoren im Papierspaltverfahren perfektionieren. Wertvolle Autographen sollen zunächst mit Notenhandschriften von Anna Magdalena Bach gespalten werden, bevor dann rechtzeitig zum 250. Todestag das erste gespaltene Autograph von Johann Sebastian Bach öffentlich vorgestellt wird.

Ein großes Problem bleiben nach wie vor die Kosten. Die Gesellschaft der Freunde der Staatsbibliothek hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sponsoren in der Bevölkerung, vor allem aber in der Wirtschaft zu gewinnen. Denn allein für die Restaurierung der Noten Bachs werden in den nächsten drei Jahren zweieinhalb Millionen Mark benötigt. Bedeutende Persönlichkeiten haben sich schon mit einem Bachpatronat in den Dienst der Sache gestellt: die Dirigenten Nikolaus Harnoncourt und Claudio Abbado gehören dazu wie der Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der Kammersänger Peter Schreier, der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel und Staatsminister Michael Naumann.Die Kontonummer lautet: Verein der Freunde der Staatsbibliothek, Deutsche Bank Berlin, BLZ 100 700 00, Konto 439 39 22 01, Stichwort Bach.

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