Gesundheit : Städte: Stürme, Slums und Überschwemmungen

Heiko Schwarzburger

"Bis 2005 wird jeder zweite Mensch auf der Erde in einer Stadt leben", prophezeit Manfred Meurer aus Karlsruhe, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie. "Die Städte in den Entwicklungsländern werden weiter wachsen, die Städte in Europa wegen des Bevölkerungsrückganges eher schrumpfen." Er folgerte, dass die urbanen Siedlungen der kommenden Generationen vor allem durch erhebliche Probleme gefährdet sind: die Versorgung mit Lebensmitteln, Trinkwasser und Energie sowie die Entsorgung von Müll. "Die Städte der Zukunft bergen immense Konfliktherde", warnte er.

Meurer sprach zur Eröffnung des 53. Geographentags in Leipzig. Ein summender Bienenstock: 1800 Geographen, Regionalplaner und Stadtökologen aus aller Welt waren in die größte Universität in den östlichen Bundesländern gekommen. "Stadt und Region - Dynamik von Lebenswelten" war das Leitthema des Kongresses. Eine Flut von Vorträgen und Diskussionen behandelte die Städte aus naturwissenschaftlicher Sicht und in soziologischen sowie wirtschaftswissenschaftlichen Analysen.

Grundtenor des Expertentreffens war die Abkehr vom ungehinderten Wachstum der Städte ins Umland. In Ostdeutschland stellt sich das Problem etwas anders. Viele Einwohner fliehen aus den Plattenbauten und gerade die Jüngeren suchen ihre Chancen im Westen. "In Ostdeutschland veröden ganze Stadtteile", meinte Helga Schmidt von der Universität Leipzig. "Das Modell der wachsenden Stadt funktioniert nicht mehr." In den neuen Bundesländern stehen mehr als eine Million Wohnungen leer, davon 400 000 in Sachsen. "Wir haben den Ansiedlungen auf der Grünen Wiese vor den Toren der Stadt deshalb den Kampf angesagt", berichtete Albrecht Buttolo, Städteplaner im sächsischen Innenministerium. Die Staatsregierung hat verschiedene Gegenmaßnahmen eingeleitet, etwa die Bauförderung nur in Innenstädten oder die Sanierung des Altbaubestandes. Dazu gehöre auch die Entscheidung, Plattenbauten und nicht sanierbare Gewerbegebäude aus der Gründerzeit abzureißen.

1,8 Milliarden Mark Schaden

Aus aktuellem Anlass stand die Verletzlichkeit der modernen Metropolen durch Naturkatastrophen und Terroranschläge auf der Tagesordnung. Richard Dikau aus Bonn sagte voraus, dass die weiter fortschreitende Klimaerwärmung in Europa zu häufigen Überschwemmungen und schweren Stürmen führen wird. Sturm "Lothar", der 1998 über Frankreich und Süddeutschland fegte, verursachte immerhin rund 1,8 Milliarden Mark Versicherungsschäden. "Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er eine Großstadt wie Freiburg oder Frankfurt getroffen hätte", sagte Dikau.

"Wir brauchen langfristige Vorsorgestrategien für diese Entwicklung", forderte Dikau. "Aber der Transfer unserer wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Politik klappt noch nicht." Als Beispiel nannte er die Hochwasser am Rhein, die in beinahe jährlichem Rhythmus die Innenstädte von Bonn, Düsseldorf und Köln überfluten. "Um diesen Katastrophen zuvorzukommen, müssten in Baden-Württemberg zusätzliche Polderflächen an den Flüssen eingerichtet werden. Dafür erhalten die Bauern in Süddeutschland aber keine Entschädigung. Noch dominieren die Interessen der einzelnen Bundesländer."

Im Zusammenhang mit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York nannte Dikau Zahlen: "Wir haben Erdbeben, Stürme und Überflutungen ausgewertet", rechnete er vor. "In den Entwicklungsländern kommen fast 90 Prozent der weltweit bei Naturkatastrophen sterbenden Menschen ums Leben. In den reichen Industrieländern entstehen rund 90 Prozent aller materiellen Schäden." Wenn man jetzt noch den Terroranschlag in New York hinzurechne, dann könne schon die wirtschaftliche Basis der Industriestaaten bedroht werden. Schließlich habe der weltgrößte Finanzplatz, die New Yorker Börse, tagelang auf der Kippe gestanden. Alle Schäden, inklusive der folgenden Konjunkturschwäche und Insolvenzen bei den Fluggesellschaften, erreichten Billionenbeträge.

Neue Überlegungen in New York

Aus New York war Berd Zimmermann angereist, der die Planungsbehörde in der Bronx leitet. "Jahrzehntelang war die Stadtplanung in New York City nur auf wirtschaftlichen Gewinn und die Entwicklung von Manhattan ausgerichtet", erläuterte er. "Soziale Problembezirke wie die Bronx blieben sich selbst überlassen. Wir wissen jetzt, dass dezentrale Schwerpunkte eine Stadt weniger verwundbar machen. Allein an der zentralen Trinkwasserversorgung von New York hängen 19 Millionen Menschen."

Zimmermann berichtete von neuen Ansätzen der amerikanischen Planer. In den lange vernachlässigten Problembezirken wie der Bronx entstanden Bürgerinitiativen, die heute selbst die Planungen in die Hand nehmen und mit dem Staat oder Unternehmen verhandeln. "Im Ergebnis konnten wir den Verfall der Bronx stoppen, der Exodus der sozial höheren Schichten hat aufgehört. Allerdings mussten die Behörden anerkennen, dass sie das Problem ohne die Bürgerinitiativen nicht in den Griff kriegen." So überlässt die Bezirksbehörde der Bronx das Management einzelner Quartiere heute bereits gänzlich diesen gemeinnützigen Selbsthilfegruppen. "Wir konzentrieren uns auf die strategische Entwicklung ausgewählter Straßenzüge, damit die Bronx wieder ein lebenswertes Zentrum erhält", meinte Zimmermann. "Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Qualität unserer Schulen und die Frage, ob es gelingt, den Einzelhandel in die Stadt zurück zu holen."

Dass die Kluft zwischen Gebildeten und Ungebildeten, zwischen Arbeitslosen und Erwerbstätigen beunruhigend wächst, befürchtet auch Claus-Christian Wiegandt vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung in Bonn. Werden die großen Städte damit unweigerlich von Slums überzogen? Die Wiener Stadtplanerin Elisabeth Lichtenberger mahnte: "Slums mit einem Durchmesser von zwanzig Kilometern wie in Chicago dürfen wir uns in Europa nicht leisten. Raum ist ein wertvolles Gut, das in Zukunft noch teurer und knapper werden wird."

Auch in Japan gibt es zarte Anfänge von Bürgerbeteiligung - darüber berichtete die Duisburger Geographin Uta Hohn. In Japan war Städteplanung über Jahrzehnte unbekannt oder lag in der Hand korrupter Behörden. Tokio ist die am stärksten gefährdete Großstadt der Welt. Jeden Tag rechnen die Wissenschaftler mit einem schweren Erdbeben der Stärke 7,9 auf der Richterskala. Die Vorwarnzeit für eine solche Katastrophe beträgt weniger als zwanzig Sekunden. Erst in den 70er Jahren wurde ein japanisches Gesetz über den Denkmalschutz erlassen. Hochhäuser wurden wegen der Angst vor Erdbeben kaum noch gebaut. "Allerdings haben wir derzeit den Trend, dass die Bodenpreise in Tokio erneut anziehen. Das macht alle hoffnungsvollen Anfänge zunichte. Sogar die lange verpönten Hochhäuser schießen jetzt wieder in den Himmel", kritisierte sie.

Uta Hohn erhielt für ihre viel beachtete Analyse der japanischen Stadtplanung den Wissenschaftspreis für junge Geographen, den die private Stiftung des Berliner Forschers Frithjof Voss in diesem Jahr erstmals ausgeschrieben hatte.

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