Gesundheit : Ständig Lampenfieber

Sozialphobiker haben Angst, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, und vermeiden deshalb größere Zusammenkünfte In Berlin treten jetzt Betroffene die Flucht nach vorne an: Sie spielen als Laiendarsteller auf der Theaterbühne. Ein Probenbericht.

Sebastian Meyer
Im Rampenlicht. Regisseur Harald Polzin mit einem der Darsteller. Foto: Sebastian Meyer
Im Rampenlicht. Regisseur Harald Polzin mit einem der Darsteller. Foto: Sebastian Meyer

Die Abendsonne schickt gerade ihre letzten Strahlen in den dritten Stock des Theaterhauses in Mitte, da hat Harald Polzin eine Idee. „Die Geburtstagsszene, als Krimi, bitte“, ruft der Regisseur in Raum 308. Vor ihm stehen zwei Männer und eine Frau. Ihre Blicke suchen Halt: an den Wänden, am Boden, in der Luft. Die Frau hippelt von links nach rechts, einer der Männer kratzt sich am Hinterkopf. Man kann förmlich die Angst vor der Stille, dem Nichts spüren. Einer der Männer fragt: „Wollen wir die Waffe im Blumenstrauß verstecken?“ Polzin schiebt die Mundwinkel nach hinten, lächelt zufrieden. Die Schauspieler seiner Improvisationstheatergruppe mit dem Arbeitstitel „Mutartlabor“ beginnen mit dem Spiel.

Das Besondere an der Truppe: Ihre Mitglieder leiden unter extremer Schüchternheit, auch soziale Phobie genannt. Für sie fühlt sich der Alltag häufig wie eine Bühne an und die Mitmenschen wie ein Publikum, das ihr Treiben kritisch beobachtet. Umso schlimmer, wenn man plötzlich ohne Text und Spielanleitung im Rampenlicht steht. Doch statt ins Off zu flüchten, proben die Laienschauspieler im Theaterhaus Mitte die Flucht nach vorne.

Einer der Schauspieler ist auch Dirk Engels (Name geändert). Die Angst vor den anderen kennt er gut, sie hat ihn früher oft befallen. Dann schlug sein Herz schneller, der Körper fing an zu schwitzen, im Kopf entstand eine Spirale: Was denken die anderen von mir? Werde ich gleich ausgelacht? Wie komme ich hier bloß raus? Der 30-jährige Berliner fühlte sich in solchen Momenten wie gelähmt, konnte nicht mehr klar denken, kriegte kaum noch einen Ton heraus. Lange wusste er nicht, was mit ihm los war. Inzwischen weiß er: Er litt unter sozialer Phobie, also der Angst vor sozialen Kontakten. Sieben bis zwölf Prozent der Bevölkerung, schätzen Experten, haben irgendwann in ihrem Leben damit zu kämpfen. Soziale Phobie ist damit eine häufiges Problem. Und doch ist sie in der Öffentlichkeit kaum präsent.

Zudem gilt sie als ein Leiden der Schwachen, Scheuen und Außenseiter. Die Scham macht es den Betroffenen schwer, damit offen umzugehen. „Ich bin schwul. Darüber kann ich reden. Über meine soziale Phobie nicht“, sagt ein Teilnehmer einer Berliner Selbsthilfegruppe. „Sozialphobiker haben Angst vor der Bewertung durch andere Menschen“, erklärt die Psychologin Johanna Böttcher, die an der Freien Universität Berlin zu dem Thema forscht. Die Störung würde sich unterschiedlich entwickeln, aber allen Betroffenen ist gemein, dass die körpereigene Alarmanlage häufiger anschlägt als nötig. Andreas Ströhl, Leiter der Spezialambulanz für Angsterkrankungen an der Berliner Charité, erklärt: „Angst tritt ja bei einer Bedrohung des Menschen auf. Es kommt zu einer Aktivierung des Herz-Kreislauf-Systems und zu Veränderungen, wie sie notwendig sind, wenn eine Flucht oder ein Kampf anstehen.“ Die Folgen: beschleunigter Puls, schnelle Atmung, vermehrtes Schwitzen sowie eine verminderte Durchblutung des Verdauungstraktes.

„Das Schlimme für die Betroffenen ist, dass sie diese Symptome häufig erleben, ohne dass es eine Bedrohung gibt, und sie sich auch nicht zurückbildet“, sagt Ströhle. Manche Sozialphobiker durchleben ihre Ängste nur in bestimmten Situationen, wie etwa in Prüfungen oder bei gesellschaftlichen Anlässen. Schlimmstenfalls ist Angst dagegen so allgegenwärtig, dass ein normales Leben unmöglich wird. Aus Furcht, angeguckt oder angesprochen zu werden, kann dann schon eine U-Bahnfahrt oder auch das Einkaufen im Supermarkt zum Horrortrip werden. Die Betroffenen sehen dann nur noch einen Ausweg: die Abschottung von der Außenwelt.

Auch Dirk Engels hat schwere Zeiten hinter sich. „Als ich zwischen elf und 16 Jahre alt war, hatte ich überhaupt keine Vertrauensperson und fühlte mich mit meinen Problemen alleinegelassen.“ Seine Eltern hatten sich getrennt, er pendelte zwischen dem Haus der Mutter und des Vaters, fühlte sich entwurzelt, flüchtete in Computerspiele, vermied es, Leute zu treffen – und wenn er doch jemanden traf, war er oft fürchterlich angespannt. Schlimm waren auch die großen Familienfeiern. Bei den Gesprächen mit den Verwandten wusste er einfach nicht, was er sagen sollte. Im Sportverein war er dagegen das Ziel böser Mobbingattacken. Engels wurde beschimpft, lächerlich gemacht, bedroht und geschlagen. Keine untypische Geschichte. Auch wenn soziale Phobien noch vergleichsweise schlecht erforscht sind: Klar ist, dass sie meist in der Pubertät oder dem jungen Erwachsenenleben ausbrechen. „Wie bei den meisten psychischen Störungen geht man davon aus, dass eine Mischung aus Biologie, Psychologie und Genetik die Ursache ist“, sagt Andreas Ströhle. Eltern von Sozialphobikern leiden nicht selten selbst unter sozialen Ängsten. Bei der Ausbildung der Phobie spielten Lernerfahrungen und die Frage, wie Eltern oder das Umfeld des Kindes mit sozialen Situationen umgehen, eine entscheidende Rolle.

Ohne Unterstützung von außen könne ein „vermeintlicher Makel“ wie Unsportlichkeit, Fettleibigkeit oder eben Schüchternheit dann dazu führen, dass der Betroffene sich mehr Gedanken darüber macht, wie er auf andere wirkt. Häufig kommen andere Probleme wie eine Depression dazu, viele greifen zu Tabletten oder versuchen, ihre Ängste mit Alkohol zu bekämpfen. Ein Selbstheilungsversuch ohne große Erfolgsaussichten, warnt Ströhle.

Tatsächlich helfen können Antidepressiva, unverzichtbar sei eine Verhaltenstherapie. „Die Betroffenen müssen lernen, dass es eine Abweichung von Selbst- und Außenwahrnehmung gibt“, sagt Ströhle. Normalerweise lernen die Patienten dies schrittweise. Manchmal sei aber auch eine Art Schocktherapie angezeigt: Die Betroffenen bekommen dann die Aufgabe, sich vor eine Rolltreppe zu stellen und Leuten den Weg zu versperren, andere sollen an eine Supermarktkasse gehen und den Verkäufer offensiv in ein Gespräch verwickeln. „Ist die Salami nicht doch vom Pferd oder vom Esel?“ Ströhle sagt: „Wir werden aus einem Sozialphobiker keinen Partylöwen machen. Aber nach einer erfolgreichen Therapie können die Leute sagen: Ich bin in meinem Alltag nicht mehr beeinträchtigt, ich bin frei in meinen Entscheidungen.“

Dirk Engels hatte mit Anfang 20 angefangen, etwas gegen seine Ängste zu unternehmen. Heute sagt er: „Ich fühle mich so gesund wie noch nie.“ Er versteht seine Schüchternheit als ein Ausdruck seiner angeborenen Hochsensibilität – und hat sie als Teil seiner Persönlichkeit akzeptiert. Zwei Psychotherapien und der Besuch einer Selbsthilfegruppe haben ihm dabei geholfen. Zu der Gruppe hat er immer noch Kontakt, es entwickelten sich Freundschaften. Dort entstand auch die Idee mit dem Improvisationstheater. Wöchentlich treffen sie sich nun im Theaterhaus Mitte. Mal stellt Regisseur Harald Polzin ihnen die Aufgabe, eine Liebesszene zu spielen, mal müssen sie als Gruppe eine Maschine darstellen. Das Prinzip Theater als Therapie scheint zu funktionieren. „Wenn ich wieder mal so einen Schweigemoment habe, dann denke ich ans Theater“, erzählt eine Teilnehmerin. Auch Engels gibt das Improvisieren auf der Bühne Selbstvertrauen. Für den Sommer hat die Gruppe ihren zweiten öffentlichen Auftritt geplant. „Ich freue mich auf die Herausforderung.“

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