Gesundheit : „Stärker ins internationale Gespräch kommen“

Die Mission lautet Exzellenz: Wie Jürgen Mlynek als neuer Präsident die Helmholtz-Gemeinschaft führen will

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Als neuer Präsident der HelmholtzGemeinschaft stehen Sie vor einer nationalen Aufgabe. Wie gehen Sie damit um?

Auch die Helmholtz-Gemeinschaft als die größte deutsche Wissenschaftsorganisation muss mit ihrer Mission für Exzellenz stehen. Vieles, was ich in den letzten Jahren an der Humboldt-Universität versucht habe, lässt sich auch auf die Helmholtz-Gemeinschaft übertragen. Dazu gehören in der Forschung Spitzenberufungen, die Nachwuchsförderung sowie die Profilbildung durch Schwerpunkte. Hinzu kommen Kooperationen im nationalen und internationalen Rahmen.

Was leistet die Helmholtz-Gemeinschaft?

Die Helmholtz-Gemeinschaft hat eine Mission, die man in drei Punkten umreißen kann: 1. geht es um die Lösung großer drängender gesellschaftlicher Probleme. Deshalb gehören zu unseren Forschungsbereichen Gesundheit, Energie, Umwelt. 2. Es handelt sich um komplexe Systeme und solche Großgeräte, die man nur in Forschungsinstituten außerhalb der Universitäten ansiedeln und betreiben kann. 3. Es geht außerdem um den Wissens- und Technologietransfer. Bei den großen Fragen müssen wir versuchen, mit den anderen Partnern in der Wissenschaft strategische Allianzen aufzubauen. Das wird uns in Verbindung mit der Exzellenzinitiative an den Spitzenuniversitäten gut gelingen können.

Die im Jahr 2001 in Gang gesetzte Reform der Helmholtz-Gemeinschaft ist abgeschlossen. Dennoch haben Sie die Übernahme der Präsidentschaft damit begründet, dass Sie in der Helmholtz-Gemeinschaft noch mehr gestalten können als an der Humboldt-Universität. Wie wollen Sie gestalten?

Es stimmt, die Reform der Helmholtz-Gemeinschaft ist durch den bisherigen Präsidenten Walter Kröll eingeleitet worden, und er hat sehr erfolgreiche Arbeit auch mit Unterstützung durch die Bundeswissenschaftsministerin Edelgard Bulmahn geleistet. Dennoch ist die Helmholtz-Gemeinschaft nach wie vor in einer Umbruchphase. Die neue Förderung von Programmen statt Zentren muss unter Wettbewerbsbedingungen weiterentwickelt werden. Die Frage ist, ob die sechs großen Forschungsbereiche der Gemeinschaft so fortgeführt werden, wie sie definiert worden sind. Was geschieht mit den insgesamt 30 Programmen, die in diesen Forschungsbereichen angesiedelt sind? Wie können Freiräume genutzt werden, um neue zukunftsträchtige Themen aufzugreifen? Was können wir tun, um für den wissenschaftlichen Nachwuchs noch attraktiver zu werden? Schließlich müssen mit Hilfe des Technologietransfers die Helmholtz-Zentren auch zu Wirtschaftswachstum und mehr Arbeitsplätzen beitragen. Alle diese Fragen müssen noch einmal aufgearbeitet werden.

In der Selbstdarstellung der Helmholtz-Gemeinschaft heißt es, man wolle Forschungsziele von strategischer Bedeutung verfolgen. Was ist damit gemeint?

Die Helmholtz-Gemeinschaft unterscheidet sich von der Max-Planck-Gesellschaft dadurch, dass sie in der Forschung strategischen Vorgaben folgt, die mit den Zuwendungsgebern, vor allem der Bundesregierung, verabredet worden sind. Im Bereich Gesundheit bearbeiten wir die großen Volkskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf und neuronale Erkrankungen. Wir diskutieren, ob wir Themen aufgreifen wie die regenerative Medizin, ein wichtiges Zukunftsfeld.

Welchen Einfluss kann der Regierungswechsel haben?

In der Energieforschung müssen wir abwarten, inwieweit eine neue Bundesregierung hier andere Akzente setzt. Am Thema Wiederaufbereitung und Entsorgung von spaltbarem Material arbeitet die Helmholtz-Gemeinschaft ohnehin. Auch die Bedeutung alternativer Energien und deren weiterer Ausbau werden uns nach den Bundestagswahlen intensiv beschäftigen. Im Bereich Erde und Umwelt soll ein Erdobservationssystem etabliert werden, das auch der Frühwarnung bei Tsunami-Katastrophen dient. Wir bearbeiten also Fragen, die über Deutschland hinaus von großem gesellschaftlichem Interesse sind, und hier kann eine neue Regierung andere Akzente setzen.

Die Helmholtz-Gemeinschaft möchte sich in der EU profilieren. Sind Sie mit der Bundesregierung zufrieden, dazu die nötigen Schritte durch den Pakt für die Forschung eingeleitet zu haben?

Der Pakt für die Forschung ist ein großer Erfolg für das deutsche Wissenschaftssystem. Die verabredeten Zuwächse im Haushalt – drei Prozent pro Jahr und das für die nächsten fünf Jahre – sind ein Schritt in die richtige Richtung. Diese Zuwächse bleiben aber hinter dem Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2010 für Forschung und Entwicklung aufzuwenden, weit zurück. Von daher muss man sehen, wie sich die neue Bundesregierung verhält und welche finanziellen Spielräume nach einen Kassensturz tatsächlich zur Verfügung stehen werden, damit aus dem Lippenbekenntnis auch aktives Handeln wird.

Welche Erwartungen der Bundesregierung sind Ihnen bekannt? Die Bundesregierung finanziert ja zu 90 Prozent die Helmholtz-Gemeinschaft.

Bund und Länder haben sich bisher voll hinter das neue Konzept der Helmholtz-Gemeinschaft gestellt. Die wachsenden finanziellen Zuwendungen zeigen, dass die Helmholtz-Gemeinschaft und die Bundesregierung programmatisch an einem Strick ziehen. Für die Bundesregierung wird es wesentlich sein, dass international sichtbare Bereiche der Spitzenforschung geschaffen werden und dass alle Voraussetzungen gegeben sind, um Universitäten und Forschungsinstitute in Deutschland in eine engere Partnerschaft zu bringen.

Die Universitäten werden im Exzellenzwettbewerb herausgefordert, neue Großverbindungen in der Forschung zu bilden. Haben Sie den Eindruck, dass die Universitäten auch die Zusammenarbeit mit der Helmholtz-Gemeinschaft suchen?

Ich kann das für die Humboldt-Universität nachdrücklich bejahen. Ich werde weiter dafür werben, dass die Helmholtz-Gemeinschaft sich intensiv an der Exzellenzinitiative beteiligt und dort, wo es noch keine gemeinsamen Aktivitäten gibt, nacharbeiten lässt.

Außerhalb Europas konzentriert sich die Helmholtz-Gemeinschaft auf die Schwerpunktländer China, Russland und Korea. Soll das so bleiben?

Unsere internationalen Kooperationen beschränken sich nicht auf diese Länder. Die einzelnen Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft haben bilateral sehr viele internationale Verbindungen. Ich werde versuchen, die Helmholtz-Gemeinschaft als nationale Forschungseinrichtung stärker international ins Gespräch zu bringen. Natürlich will ich auch in den USA, Kanada und in den wichtigen europäischen Ländern Partnerschaften oder sogar strategische Allianzen in bestimmten Wissensgebieten weiter fördern.

Werden Sie den Sitz der Helmholtz-Gemeinschaft nach Berlin verlegen?

Der Sitz der Helmholtz-Gemeinschaft ist Bonn und bleibt Bonn. Bonn ist eine hervorragende Wissenschaftsstadt. Es ist aber auch im Interesse der Helmholtz-Gemeinschaft, wenn ihre Präsenz in der Bundeshauptstadt gestärkt wird. Auch als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft werde ich Berlin verbunden bleiben und Unterstützung anbieten, wenn es im Interesse der hiesigen Helmholtz-Zentren ist.

Das Interview führte Uwe Schlicht

Jürgen Mlynek (54), Physiker, wird am 1. September als Nachfolger von Walter Kröll Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft. Seit Mai 2000 war er Präsident der Humboldt-Universität.

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