Gesundheit : Stahlbeton für die Gefühle

Tilidin ist ein starkes Schmerzmittel für Krebspatienten. Jugendliche zweckentfremden es als Droge. Eine Therapie ist meist schwierig.

DAniela Martens
Zugeteilt. Chaim Jellinek behandelt Abhängige mit Ersatzdrogen in seiner Neuköllner Praxis, damit die Patienten eine Psychotherapie überhaupt durchhalten. Foto: Paul Zinken
Zugeteilt. Chaim Jellinek behandelt Abhängige mit Ersatzdrogen in seiner Neuköllner Praxis, damit die Patienten eine...

Zuerst haben es die anderen genommen. „Wasser“ haben sie es genannt. Die anderen – das waren die Kumpel von Ali (Name geändert). 15 war er damals. Ihm war klar, dass sie kein Leitungswasser meinten. Trotzdem hat er sie anfangs nicht gefragt, was dieses „Wasser“ eigentlich sei. Dann wurden ihm mehrere Zähne gezogen, kurz darauf sprach auch er ständig vom „Wasser“. Er war süchtig nach dem, was es auslöste – nach dem „Gefühl, dass man alles kann und alles scheißegal ist und man keine Angst mehr hat.“

„Wasser“ ist in Alis Welt eine Art Geheimcode für die flüssige Form eines Medikaments namens Tilidin – ein Schmerzmittel, das eigentlich in der Krebstherapie oder nach Operationen eingesetzt wird. Ein synthetisches Opioid, das nicht unters Betäubungsmittelgesetz fällt und auf Rezept in Apotheken zu bekommen ist. In den letzten Jahren ist es zu einer Art „Modedroge“ bei Jugendlichen geworden – so formuliert es die Fachstelle Suchtprävention im Land Berlin in einem Informationsblatt. „Neun von zehn Jungs in Neukölln nehmen Tilidin. Das ist hier die Hauptdroge“, behauptet Ali, der heute 19 ist.

Ob das stimmt, kann keiner sagen. „Gesicherte Daten zur Zahl der Abhängigen existieren nicht“, sagt Kerstin Jüngling, Leiterin der Fachstelle Suchtprävention. 536 Fälle von Rezeptfälschung oder illegalem Handel mit Tilidin verzeichnet die Kriminalstatistik 2009: eine Zunahme um 15 Prozent zum Vorjahr. Bei Untersuchungen in der Jugendstrafanstalt Plötzensee wurde laut Suchtpräventionsstelle festgestellt, dass Tilidin nach Cannabis die meistkonsumierte Droge sei .

Eine Zeit lang galt Tilidin nur als Droge muslimischer Jungen. „Inzwischen hat es längst die Subgruppe verlassen, aber damit hat es angefangen, weil es so praktisch für Jugendliche aus Familien ist, die das Thema Sucht tabuisieren“, sagt der Arzt Chaim Jellinek. In der Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe in Neukölln behandelt er Drogensüchtige, darunter auch Ali und rund 20 andere Tilidin-Abhängige. „Man wird nicht sichtbar berauscht von Tilidin und viele machen sich vor, dass sie ein Medikament nehmen – keine Droge.“

Das passt zu Alis Geschichte. „Ich hatte so krasse Schmerzen, weil die Weisheitszähne ’raus waren.“ Ein Kumpel sagte, er hätte eine Medizin dagegen. Ali nahm sie und die Schmerzen verschwanden. „Und dann fing es im Kopf an und man is’ drauf.“ Erst viel zu spät habe er kapiert, „wie krass das Zeug eigentlich ist. Wenn die Wirkung nachlässt, hat man auf einmal überall im Körper Schmerzen.“ Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Schwindel, Muskelabbau, Muskelkrämpfe, Wahrnehmungsstörungen, Aggressionen und Depressionen gehören zu den Nebenwirkungen von Tilidin, warnt die Suchtpräventionsstelle. Mit Alkohol oder Beruhigungsmitteln wirke es atmungshemmend und könne sogar zum Tod durch Ersticken führen. Ali litt vor allem unter Schlaflosigkeit. Um sich zu beruhigen, begann er zu kiffen.

Anfangs kaufte er Tilidin von anderen Jungs. Später ist er mit Freunden zu Ärzten gegangen. Sie ließen sich das Mittel gegen angebliche chronische Rückenschmerzen verschreiben und filmten die Ärzte dabei. „Dann hatten wir sie in der Hand und konnten von ihnen so viele Flaschen verlangen, wie wir wollten.“ Chaim Jellinek hält die Geschichte für plausibel: „Es gibt verantwortungslose Ärzte, die die Szene mit Drogen unterhalb der Betäubungsmittelverschreibungsverordnung versorgen.“ Da gehe es oft nicht mal um Erpressung, sondern um den Profit. Und viele Ärzte seien im Allgemeinen zunehmend „lockerer im Umgang mit Medikamenten.“ Kerstin Jüngling hat Ähnliches beobachtet.

Natürlich werde nicht jeder gleich abhängig von Tilidin, sagt Jellinek. „Aber es macht wie alle Opioide einen Mantel aus Stahlbeton um die Gefühle. Wer Probleme mit dem Selbstwertgefühl hat, ist eher in Gefahr, süchtig zu werden, weil das Selbstwertgefühl durch Tilidin gestärkt wird.“ Ali wirkt schmächtig, unreif und deutlich jünger. Er hat oft Mühe, die richtigen Worte für seine Geschichte zu finden und macht Grammatikfehler. Nachdem er abhängig geworden ist, ist er lange nicht mehr zur Schule gegangen. Drei Mal hat er versucht aufzuhören. Inzwischen nimmt er seit acht Monaten kein Tilidin mehr, sagt er. Er versucht, den Hauptschulabschluss nachzumachen.

Meistens kommen die Tilidin-Abhängigen zu Jellinek, wenn sie kriminell auffällig worden sind – um eine Haftstrafe zu verhindern. Auch bei Ali war es so. Jellinek ist das recht, denn nur so kommt man an die Jugendlichen heran. „Von Therapie kann am Anfang gar nicht die Rede sein“, sagt er. Denn es ist oft nicht in das Selbstbild von Jungs wie Ali „integrierbar, dass sie süchtig sein könnten.“ Ali ist in Berlin geboren, hat aber keinen deutschen Pass. Seine Eltern sind Palästinenser, sein Vater arbeitslos. „In den Familien meiner Patienten gelten Abhängige oft als willensschwach und charakterlich schlecht“, sagt Jellinek. Der erste Schritt: Einsehen, dass man Hilfe braucht.

Das scheint bei Ali zu funktionieren: Zwei Mal pro Woche erzählt er einer seiner psychosozialem Betreuerin in der Ambulanz, was ihm „auf dem Herzen liegt“. Er fühlt sich von der Welt benachteiligt: „In Neukölln haben wir alle Langeweile und keine Chance auf einen Job. Es stimmt doch nicht, dass alle Menschen gleichberechtigt sind.“ Auch mit Jellinek spricht er oft. Der Arzt ist aber vor allem für die Medikation zuständig. Ali nimmt zwar kein Tilidin mehr. Ganz ohne „Stahlbeton“ geht es aber noch nicht: Seit acht Monaten nimmt er die legale Ersatzdroge Buprenorphin. Jeden Tag kommt er in die Praxis, um sich eine Tablette geben zu lassen. Dadurch werden Patienten wie er aus der Illegalität geholt – weil sie kein Tilidin mehr auf der Straße kaufen. Mit unangekündigten Urinprobe weisen sie zudem nach, dass sie keine anderen Drogen nehmen. „So schaffen wir die Voraussetzung für ein soziales Nachreifen“, sagt Jellinek. In der Therapie sollen sie eine Perspektive finden und einsehen, dass man auch, wenn man in Neukölln aufgewachsen ist, eine Lehrstelle finden kann. Wenn dann irgendwann Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist, wird die Dosis des Substituts milligrammweise heruntergefahren. „Ausschleichen“ nennt man das.

Um die Ersatzdroge verschrieben zu bekommen, müssen die Jugendlichen auch noch härtere Drogen konsumiert haben. Doch die seien nicht das Hauptproblem, sagt Ali: „Tilidin ist eine Teufelsdroge.“

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