Gesundheit : Stammzellen: Dammbruch oder Doppelmoral? - Die Deutschen sagen jein

Adelheid Müller-Lissner

Kurz vor Weihnachten hat die Nachricht Politiker und Öffentlichkeit aufgeschreckt: Das britische Unterhaus ebnet den Weg für die Forschung an bis zu 14 Tage alten Embryonen, die eigens für die Gewinnung von Stammzellen durch "therapeutisches Klonens" erzeugt wurden. Was meinen dazu die Wissenschaftler, die sich in Deutschland mit der Stammzell-Forschung beschäftigen?

In der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist ein Schwerpunktprogramm zur Stammzellforschung angelaufen, das insgesamt 25 Projekte umfassen soll und über mehrere Jahre läuft. Einer der Anträge, über die im Januar entschieden wird: Forschung mit Stammzellen, für die aus den USA eine Zelllinie importiert werden soll. Die Zellen stammen von Embryonen, die bei Zeugungsversuchen im Reagenzglas entstanden und nicht eingepflanzt wurden. In Deutschland ist die Anzahl der bei jedem Behandlungszyklus entstehenden Embryonen streng begrenzt, es gibt deshalb kaum "überzählige" befruchtete Eizellen. Das Embryonenschutzgesetz verbietet zudem deren "fremdnützige Verwendung". Die Arbeit mit anderswo gewonnenen Stammzellen fällt nicht unter dieses Verbot.

Anna Wobus vom Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gaterleben bei Magdeburg ist Wissenschaftliche Koordinatorin des DFG-Stammzellen-Programms. Schon im Juni dieses Jahres sprach die Biologin angesichts des Import-Antrags von einem "ethischen Dilemma". Der Forschung mit Stammzellen, die im Ausland gewonnen wurden, liege auch "irgendwo eine Doppelmoral" zu Grunde.

Der Heidelberger Humangenetiker Claus Bartram, Mitglied der Senatskommission für Grundsatzfragen der Gentechnik bei der DFG, zieht daraus klare Konsequenzen: "Wir sollten embryonale Stammzellforschung ermöglichen, nicht nur den Import, sondern auch die Herstellung der Zellen in Deutschland" sagte er in der "Zeit". Vorteil der Freigabe sei die Einbindung in ein Genehmigungsverfahren, bei dem eine Kommission jedes einzelne Vorhaben streng prüfe.

Embyonale Stammzellen haben in den Augen der Wissenschaftler mehrere Vorzüge: Sie sind unbegrenzt vermehrbare Alles- oder zumindest Viel-Könner. Stammen die Zellen aus einem "therapeutischen" Klonierungsvorgang, für den der Kern einer Körperzelle eines Patienten in eine entkernte Eizelle eingepflanzt wurde, so sind sie zudem ohne Abstufungsreaktionen verträglich. Das Verfahren entspricht dann allerdings ziemlich exakt demjenigen, dem das Klonschaf Dolly seine Existenz verdankt. Für viele ist es deshalb der Einstieg in die Menschenzüchtung. Der Frankfurter Biochemiker Ulrich Brand, Schriftführer der Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie, warnt: "Wir sollten den Geist nicht aus der Flasche lassen".

In einer aktuellen Stellungnahme zum Beschluss des britischen Unterhauses betont auch DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker: "Die DFG ist der Auffassung, dass zunächst Alternativen zum Klonen von Embryonen geprüft werden müssen." Gemeint sind die so genannten "adulten" Stammzellen, die im Körper jedes Menschen für nahezu jedes Organ vorhanden sind. Wie wandlungsfähig sie sind und welche Möglichkeiten für neue Therapien sie tatsächlich bieten, ist allerdings noch offen. "Sollte das Ergebnis der Forschung sein, dass adulte Stammzellen für Therapiezwecke weit weniger geeignet sind als embryonale Stammzellen, muss neu überlegt werden", so die DFG.

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