Gesundheit : Stammzellen: Die Zellfabrik

Hartmut Wewetzer

Was die "Deutsche Presse-Agentur" am 27. Dezember um elf Uhr 28 über die Ticker laufen lief, klang schon wie eine ziemliche Sensation. "US-Forschern ist es erstmals gelungen, Stammzellen in einem Labor herzustellen", meldete die Agentur unter Berufung auf eine im amerikanischen Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichte Studie des Stammzell-Pioniers John Gearhart von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore.

Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich die Neuigkeit allerdings eher als Sensatiönchen. Denn natürlich waren in Gearharts Labor nicht zum ersten Mal Stammzellen hergestellt worden - das passiert schon seit Jahr und Tag -, sondern lediglich ein neues Verfahren eingeführt worden, dass die Herstellung der begehrten Zellen erleichtern soll. Gearhart selbst ist sich sicher, dass der von ihm kreierte Typ namens "Embryoid-Körper"-Zellen "zum Zugpferd der neuen Gewebe-Therapien" werden wird.

Stammzellen sind ein wichtiger, allerdings nicht unumstrittener Hoffnungsträger der Medizin. Sie gelten als "Alleskönner", die sich in viele verschiedene Gewebearten verwandeln können. Deshalb sind sie als Zell- oder Gewebeersatz bei Krankheiten wie Diabetes, Parkinson, Alzheimer, aber auch bei Verbrennungen und Geburtsfehlern im Gespräch.

In den Phantasien der Biotechniker sind Stammzellen eine Art Allheilmittel. Aber bei diesen Hoffnungen auf eine Stammzell-Therapie ist Vorsicht geboten, wie das Beispiel der mit viel Vorschusslorbeeren bedachten, aber bis heute nicht sonderlich erfolgreichen Gentherapie zeigt.

Im Prinzip gibt es mehrere Möglichkeiten, an Stammzellen zu gelangen. Als Quelle können "überzählige" menschliche Embryonen aus der Reagenzglas-Befruchtung dienen. Oder aber man pflanzt in die entkernte Eizelle einer Spenderin den Zellkern eines Patienten ein ("therapeutisches Klonen"). Beiden Verfahren ist jetzt vom britischen Parlament zugestimmt worden. Man kann aber auch - ethisch unverfänglich - "adulte" Stammzellen Erwachsener benutzen, doch ist dieses Verfahren technisch besonders kompliziert und längst nicht so vielversprechend.

John Gearhart wiederum geht einen vierten Weg: er benutzt "primordiale Keimzellen" aus Fehlgeburten, etwa abgetriebenen Embryonen. Diese Zellen sind die Vorläufer von Ei- oder Samenzellen im Embryo. Sie haben für sich nicht mehr die Fähigkeit, einen kompletten Organismus zu erzeugen ("Totipotenz"), sondern lediglich eine Vielzahl von Gewebearten ("Pluripotenz"). Aus diesem Grund ist ihre Verwendung - anders als die von menschlichen Reagenzglas-Embryonen - auch in Deutschland erlaubt.

Züchtet man "pluripotente" Stammzellen aus primordialen Keimzellen, entwickeln sich dabei merkwürdige kleine Bälle aus Zellen. Sie bestehen aus einer buntscheckigen Schar ganz verschiedener Zellsorten. Weil diese Zell-Blasen an frühe Stadien der Embryonalentwicklung erinnern, wurden sie "Embryoid-Körper" (englisch: embryoid body) getauft. Aus ihnen entwickeln sich aber keine Embryonen.

Gearhart löste die Embryoid-Körper-Zellen - sie stammten aus vier Embryonen im Alter von fünf bis elf Wochen - aus ihrem Verband und vermehrte sie in verschiedenen Nährlösungen. Die Zellen teilten sich bis zu 70mal und produzierten Millionen von Nachkommen ohne ersichtliche genetische Abnormalitäten. Zudem erwies sich ihr Erbgut als empfänglich für fremde Gene, die die Forscher versuchsweise eingeschleust hatten - wichtig, um maßgeschneiderte Zellen für die Therapie zu bekommen.

Die Forscher analysierten die Zellen und stellten fest, dass sie Vorläufer von Nerven-, Muskel-, Blut- und Eingeweidezellen waren. "Diese Zellen werden zum ersten Mal beim Nervenleiden ALS, Typ-I-Diabetes, Schlaganfall und bei der Parkinson-Krankheit angewendet werden", hat Gearhart nun angekündigt. Andere Forscher an der Johns-Hopkins-Universität erproben Embryoid-Körper-Zellen bereits bei Tieren.

Leicht vermehrbar, genetisch manipulierbar und vielseitig anwendbar - den Embryoid-Körper-Zellen des John Gearhart könnte tatsächlich eine große Zukunft als biologisches Rohmaterial beschieden sein. Anders als übliche Stammzellen, die ein tumorartiges, wucherndes Wachstum an sich haben, sind die Zellen aus den Embryoid-Bällen bereits weiter spezialisiert und deshalb offenbar zahm und anpassungsfähig.

Für Gearhart dürfte sich das Ganze auch finanziell auszahlen, ist er doch an der kalifornischen Biotechnik-Firma Geron beteiligt, die seine Forschung bezahlt. Geron hat nicht nur die Firma Roslin Bio-Med gekauft, die von den schottischen Klon-Experten des Roslin-Instituts gegründet wurde. Das Unternehmen ist auch bei einem anderen Stammzell-Avantgardisten im Boot, nämlich bei James Thomson von der Universität von Wisconsin in Madison. Zeitgleich mit Gearhart teilte Thomson vor gut zwei Jahren mit, dass er Stammzellen aus menschlichen Reagenzglas-Embryonen hergestellt hatte.

In den USA sind Versuche, wie sie Thomson und Gearhart anstellen, zwar erlaubt, wurden aber bislang nicht staatlich gefördert. Das hat sich seit Oktober geändert, auch wenn nun manche Forscher einen Rückschlag durch die neue Regierung befürchten. Man darf gespannt sein, ob die USA ihre unangefochtene Führungsposition in der Stammzellforschung gefährden werden - denn die Briten dürften ihnen nach ihrem enthusiastischen Ja zum Benutzen embryonaler Zellen bald hart auf den Fersen sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben