Gesundheit : Stammzellen - etwas für starke Nerven

Michael Simm

Stammzellen sind im Kommen. Auf der Jahrestagung der "Society for Neuroscience" im kalifornischen San Diego mit insgesamt 25 000 Teilnehmern haben Wissenschaftler bereits am ersten Tag 55 Facharbeiten präsentiert, die das enorme Potenzial von Stammzellen für die Reparatur von Nervenschäden belegen.

Einen Schwerpunkt bildeten Berichte über Tierversuche mit Mäusen und Ratten, bei denen Lähmungen, schwere Hirnverletzungen und erbliche Bewegungsstörungen gelindert wurden. Die dabei eingesetzten Stammzellen isolierten die Forscher in den meisten Fällen aus wenige Tage alten Nager-Embryonen.

Allerdings finden sich Stammzellen auch im Knochenmark und sogar in der Haut und im Muskelgewebe erwachsener Tiere: es sind die "adulten" Stammzellen.

Jeffrey Kocsis von der Universität Yale in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut ist es nun mit einer vergleichsweise einfachen Technik bei Ratten gelungen, mit adulten Stammzellen Nervenschäden zu reparieren, wie sie in ähnlicher Form auch bei der Multiplen Sklerose (MS) auftreten. Dafür spritzte der Neurowissenschaftler Knochenmarkzellen, die zuvor aus den selben Tieren gewonnen wurden, in die Blutbahn.

Zwar gelang die Reparatur nur in der Nähe von Blutgefäßen, dort aber sei der Erfolg dieser Prozedur "dramatisch" gewesen. Bei der Multiplen Sklerose sind die Isolierhüllen der Nervenzellen geschädigt - offenbar können sie mit Hilfe von Stammzellen repariert werden.

Unklar ist, ob die neuen Hüllen der Nervenfasern direkt von den im Knochenmark enthaltenen Stammzellen gebildet werden, oder ob sie vorhandene Nervenzellen zur Reparatur anregen. Kocsis will nun bei zunächst zwei bis drei MS-Patienten die Sicherheit der Methode prüfen.

Erfolgreich war auch Evan Snyder von der Harvard Medical School, der sich als einer der ersten Wissenschaftler mit der Verpflanzung von Stammzellen des Gehirns beschäftigt hat. Mit seinen Kollegen Jitka Ourednik und Vaclav Ourednik hat Snyder überprüft, ob embryonale Stammzellen zur Reparatur erblich bedingter Bewegungsstörungen geeignet sein könnten.

Untersucht wurden drei verschiedene Mäusestämme, bei denen der Untergang eines bestimmten Typus von Nervenzellen innerhalb von Monaten nach der Geburt dazu führt, dass die Tiere sich kaum mehr fortbewegen können.

Als Snyder den Nagern jedoch Stammzellen in das Gehirn spritzte, stoppte dies den der Zerfall der Hirnstruktur. Wurden die neuen Zellen bereits in den ersten Tagen nach der Geburt verabreicht, waren unter dem Mikroskop gar kaum noch Unterschiede zu gesunden Tieren zu finden.

Aus einer Vielzahl ähnlicher Beobachtungen bei Ratten und Mäusen zieht Snyder den Schluss, dass der Einfluss der implantierten Zellen auf das umliegende Gewebe wohl sehr viel größer ist, als bislang angenommen.

Einerseits haben sich Stammzellen in zahlreichen Experimenten als vielseitige Helfer erwiesen, die teilweise beträchtliche Strecken vom Injektionsort in andere Hirnregionen wandern und dort zerstörtes Gewebe ersetzen. Andererseits, warnte Dennis A. Steindler vom McKnight Brain Institute der Universität Florida, haben die vermeintlichen Heilsbringer auch viele Eigenschaften mit den Zellen aggressiver Hirntumoren (Gliome) gemeinsam.

Derartige Bedenken werden von den Kollegen zwar ernst genommen, doch das Stimmungsbarometer unter den in San Diego versammelten Experten schwankte eher zwischen Optimismus und Euphorie. Was noch vor wenigen Jahren kaum jemand zu denken wagte, scheint greifbar nahe. Erst 1999 konnte die Entstehung neuer Nervenzellen beim Menschen nachgewiesen werden - vom neu gewählten Präsidenten der "Society for Neuroscience", Fred Gage.

Heute ist es für Hunderte von Nachwuchsforschern bereits Routine, die adulten Stammzellen des Gehirns zu isolieren, zu züchten und in ihrer Entwicklung zu beeinflussen. Die größten technischen Hindernisse sind aus dem Weg geräumt.

In "zwei bis drei Jahren" will Evan Snyder die ersten Versuche bei Patienten anstellen, die an der Nervenerkrankung ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) leiden, von der vermutlich auch Stephen Hawking betroffen ist.

"Wir sind keine Wunderheiler", sagt ein weiterer Stammzell-Pionier, Ron McKay vom National Institute of Neurological Disorders and Stroke. "Aber ich bin mir sicher, dass Stammzellen schon bald eines der wichtigsten Werkzeuge für die moderne Medizin sein werden."

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