Gesundheit : Stammzellen jenseits des Stammtisches Eine Bürgerkonferenz am Max-Delbrück-Centrum

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Im MaxDelbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) möchten die Forscher nicht ungestört forschen. „Wir wollen nicht in Ruhe gelassen werden", sagt Stiftungsvorstand Detlev Ganten ganz dezidiert. Ende der Woche kam am MDC in Buch erstmals eine „Bürgerkonferenz zur Stammzellforschung“ zusammen. Sie besteht aus 19 Teilnehmern, deren Namen per Los gezogen wurden, nachdem sie auf eine Anfrage geantwortet hatten, die das Zentrum an 14000 Bürger aus Berlin, Petershagen und Bernau gerichtet hatte. Sie haben mit naturwissenschaftlicher Forschung nichts zu tun. Aber nach intensiven Wochenend-Treffen sollen sie dem Präsidenten des Bundestags, dem Schirmherrn der Aktion, ihr Bürgervotum zur Stammzellforschung überreichen.

Ein Privileg der Teilnehmer, um das sie viele interessierte Laien beneiden dürften, besteht in ihrer Chance, mit hochrangigen Forschern und Bioethik-Spezialisten zu sprechen: „40 bis 50 Gesprächspartner werden kommen, davon bestimmen die Konferenzteilnehmer selbst zehn bis 15, die sie zwei Tage lang befragen können“, sagt Tannert.

Wenn über ethische Probleme der Stammzellforschung gestritten wird, geht es fast immer um die Zelllinien, die aus frühen, im Reagenzglas entstandenen Embryonen gewonnen werden. Gleich bei der Auftaktveranstaltung erwartete die Zuhörer dazu ein brisanter Vortrag. Christian Kummer von der Hochschule für Philosophie in München, seines Zeichens Jesuit, Philosoph und studierter Biologe, legte vehement seine „Zweifel an biopolitischen Glaubensbekenntnissen der Lebensschützer von Anfang an“ dar.

Mit der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard ist er darin einig, dass in der frühen Phase der embryonalen Entwicklung, vor der Einnistung in die Gebärmutter, von Individualität noch nicht gesprochen werden kann. Die „ewige Rede vom individuellen Genom“, das mit der Befruchtung entstehe, kann er nicht gelten lassen. Und er scheut nicht davor zurück, der „amtlichen katholischen Moraltheologie“ deshalb „Genmystizismus“ vorzuwerfen.

Für die harsche Kritik hat Kummer ein entwicklungsbiologisches Argument: Erst die Möglichkeit, Gene an- oder abzuschalten, führt zu einer individuellen Entwicklung. Die aber entsteht erst im mütterlichen Uterus. Erst dort kann der Embryo seinen Körperbauplan „zwar selber, aber in Abhängigkeit von der Mutter“ entwickeln. Kummer sieht deshalb keinen ethischen Hinderungsgrund dafür, im Rahmen einer Kinderwunsch-Behandlung im Reagenzglas befruchtete Eizellen, die nicht eingepflanzt werden, zum Ausgangspunkt für Zelllinien zu nehmen. Ohne Einpflanzung in den Mutterleib haben diese Embryonen nicht die Chance zur individuellen Entwicklung. „Ihre unvermeidliche Beseitigung ist kein Verstoß gegen die Menschenwürde und das Grundrecht auf Leben.“ Ganz anders würde er es bewerten, wenn Embryonen eigens für die Forschung im Reagenzglas erzeugt würden.

Der ehemalige Kulturstaatssekretär Julian Nida-Rümelin, nach eigenem Bekenntnis eigentlich eher Skeptiker als Fortschrittsoptimist, verdeutlichte am Beispiel der empfängnisverhütenden Spirale, dass in Fragen des Lebensschutzes heute allgemein ein abgestuftes Denken vorherrscht: Kaum einer würde die Verhinderung der Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutter einem Totschlag gleichstellen. Wolf-Michael Catenhusen, Staatssekretär am Bundesforschungsministerium, hatte zuvor bereits dargelegt, dass in Deutschland mit dem Stammzellgesetz und seinem Stichtagskriterium eine „erträgliche und verträgliche Regelung“ gefunden wurde, dass die Vorstellungen über Forschung mit embryonalen Stammzellen in Europa aber sehr unterschiedlich sind. Doch auch die eigenen Gesetze müssten einer ständigen Überprüfung unterzogen werden. Daran haben ab jetzt auch die ausgewählten Bürger Anteil. aml

www.mdc-berlin.de und www.bioethik-diskurs.de/b ürgerkonferenz

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