Gesundheit : Stammzellen: Neues Nachdenken

Die FDP fordert, das Gesetz zu lockern

Rainer Woratschka

Es soll eine Bilanz sein, doch de facto geht es bei der heutigen Anhörung im Forschungsausschuss um den Versuch einer Weichenstellung. Sieben Stunden lang wollen die Parlamentarier an diesem Mittwoch mit 24 Experten darüber diskutieren, ob und wie sich das Stammzellgesetz von 2001 bewährt hat.

Bislang ist in Deutschland jede Forschung, bei der menschliche Embryonen getötet werden, verboten. Allerdings dürfen Forscher Stammzellen verwenden, die vor 2002 im Ausland gewonnen wurden. 21 solche Anträge wurden bereits genehmigt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft möchte die Einschränkung vom Tisch haben. Zum einen seien die verwendbaren Zelllinien bereits so verunreinigt, dass sich mit ihnen nicht mehr ernsthaft forschen lasse. Zum andern stünden deutsche Forscher, die sich an Auslandsprojekten beteiligten, ständig „mit einem Fuß im Gefängnis“, es herrsche immense Rechtsunsicherheit.

Die FDP sieht das ähnlich, in den anderen Fraktionen gehen die Meinungen auseinander. Gegen jede Änderung wenden sich Lebensschützer, Teile der Union und die katholische Kirche. Andere plädieren für einen Kompromiss, wie ihn der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, angeregt hat: eine Verschiebung des Stichtags auf Ende 2005. Seit zwei Jahren nämlich erst wissen Forscher, wie sich Stammzellen vermehren lassen, ohne mit Viren kontaminiert zu werden.

Wer an Stammzellen forschen wolle gehe inzwischen direkt ins Ausland, sagt Ulrike Flach (FDP). Umgekehrt scheuten sich ausländische Forschungsgemeinschaften, mit Deutschen zusammenzuarbeiten. Fast alle Experten forderten daher ein Ende der Kriminalisierung deutscher Forschungsbeteiligung im Ausland. Um die Forscher im Land zu halten, müsse zudem der Stichtag gestrichen werden.

Hubert Hüppe (CDU) hingegen sieht „keinen Anlass, das Stammzellgesetz zu ändern – außer man geht davon aus, dass die Menschenwürde immer dem neuesten Stand der Technik anzupassen ist“. Bisher gebe es „nirgendwo auf der Welt auch nur einen Antrag von Stammzellforschern auf klinische Anwendung“. Auch Flach gibt zu, dass sich „die Heilsversprechen der Forscher nicht erfüllt“ haben. „Wir sind weiter, aber nicht so weit wie erhofft.“ Bis zu klinischen Studien werde es wohl noch fünf bis zehn Jahre dauern. Allerdings hätten sich auch die Schreckensszenarios der Skeptiker nicht erfüllt.

Für Grundlagenforschung reichen laut Hüppe die bestehenden Zelllinien. Die Begrenzung dürfe weder fallen noch verschoben werden, „der Stichtag ist keine Wanderdüne“. Andernfalls käme bald die nächste Forderung, „und wer heute Embryonen tötet, kann sich darauf verlassen, dass er die Zelllinien morgen wieder nach Deutschland exportieren darf“. Es gebe international genug Abnehmer, kontert Flach. Es sei „nicht zu erwarten, dass irgendwo auf der Welt ein Embryo für Deutschland stirbt“. Notfalls könne man aber auch einen „nacheilenden Stichtag“ installieren. Dann kämen nur Zelllinien zum Einsatz, die vor Antragstellung gewonnen wurden.

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