Stammzellenforschung : Ein schmaler Grat

Sie soll helfen, schwere oder bislang tödliche Krankheiten zu heilen, aber höchst umstritten. Am 10. April stimmt darüber der Bundestag ab - was darf die deutsche Stammzellforschung?

Adelheid Müller-Lissner

Es wird langsam spannend. Am 10. April sollen die Abgeordneten des Deutschen Bundestages nun endlich darüber entscheiden, ob und wie der umstrittene Stichtag im Stammzellgesetz verändert wird. Er markiert das Datum, vor dem die menschlichen embryonalen Stammzelllinien entstanden sein müssen, mit denen in der Bundesrepublik geforscht werden darf.

Der ganz große Durchbruch in der Stammzellforschung, die Heilung von lebensbedrohlichen Krankheiten, ist bisher nicht mehr als eine Hoffnung. Der gefährliche Dammbruch, die Sorglosigkeit im Umgang mit ethischen Maßstäben, existiert andererseits auch nur als Befürchtung. „Durchbruch oder Dammbruch“, so lautete trotzdem das Thema beim 55. Forum Pariser Platz am Dienstagabend. Doch es war ein drittes Wort mit „D“, das in der Diskussionsrunde im Herzen der Hauptstadt eine Hauptrolle spielte: Deutschland.

Deutschland müsse Motor sein bei der Suche nach Alternativen zur ethisch bedenklichen Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen, sagte Bundesforschungsministerin Annette Schavan. Und legte noch einmal dar, warum sie sich dazu durchgerungen hat, eine einmalige Verschiebung des Stichtages zu befürworten. „Wir brauchen das Wissen über die embryonalen Stammzellen, um eines Tages auf sie verzichten zu können.“

Schavan denkt dabei vor allem an das Verständnis der Reprogrammierung. Also derjenigen Prozesse, die ablaufen müssen, damit Stammzellen aus dem menschlichen Körper („adulte“ Stammzellen) wieder zu Multitalenten mit den Gaben der embryonalen Zellen werden. In zahllosen Gesprächen mit Forschern und Vertretern der großen Wissenschaftsorganisationen hat die Ministerin die Überzeugung gewonnen, dass Zelllinien, die nach dem heutigen Stichtag, dem 1. Januar 2002, gewonnen wurden, sich dazu besser eignen.

Das ist nicht zuletzt eine Frage internationaler Kooperationen, wie der Stammzellforscher Oliver Brüstle von der Uni Bonn verdeutlichte. „Immer noch ist ungeklärt, ob deutsche Wissenschaftler Führungsrollen bei EU-Projekten übernehmen dürfen, die mit jüngeren Stammzelllinien arbeiten.“

Der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff äußerte dagegen grundsätzliche Bedenken. Vor allem, was die Gewinnung von Stammzellen aus Embryonen betrifft. „Wir dürfen den Embryo nicht als Objekt betrachten, er stellt den Beginn der Lebensgeschichte eines anderen Menschen dar.“

In Deutschland wird in den vom Robert-Koch-Institut genehmigten Stammzellprojekten mit Zellen gearbeitet, die in anderen Ländern aus „überzähligen“ Embryonen gewonnen wurden. Sie sind im Rahmen der künstlichen Befruchtung entstanden und werden tiefgekühlt nur für begrenzte Zeit aufbewahrt. „Solche Embryonen werden hunderttausendfach verworfen“, gab Brüstle zu bedenken. Ist es da nicht sinnvoller, sie für Forschungszwecke zu nutzen? So könne man nicht argumentieren, entgegnete Schockenhoff, da diese Embryonen überhaupt erst durch eine moralische Grenzüberschreitung entstanden seien. Hierzulande verbietet das Embryonenschutzgesetz die Erzeugung von Embryonen, die der Frau nicht eingepflanzt werden können.

„Haben denn andere Länder eine schlechtere Moral als wir?“, fragte Moderator Peter Lange, Chefredakteur von Deutschlandradio Kultur, das die Diskussion live übertrug, provozierend. Dem international anerkannten Neurowissenschaftler Brüstle schien die Frage fast peinlich zu sein. „Wir befinden uns in einem internationalen Umfeld, das an sich selbst hohe Ansprüche stellt, ethischen Standards zu genügen.“

Ministerin Schavan möchte jedoch die Sondersituation, in der sie Deutschland aufgrund seiner Geschichte sieht, bewusst gestalten. „Es wird auch von außen geschaut, welche Rolle Deutschland wahrnimmt.“ Nicht zuletzt deshalb sollten ihrer Ansicht nach die Möglichkeiten, die mit dem Gesetz von 2002 für die Forschung mit embryonalen Stammzellen geschaffen wurden, auch nach der Gesetzesänderung nur ein „schmaler Korridor“ sein.

Dafür, dass er erhalten bleibt, möchte die Ministerin sich allerdings engagieren, und sie begründet ihre Haltung philosophisch. „Wer glaubt, dass immer nur der sich verantworten muss, der etwas tut, und nicht auch der, der es unterlässt, nimmt nicht die ganze Wirklichkeit wahr.“ In einem Monat werden die Würfel fallen.

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