Stammzellenforschung : Quer durch politische Lager

Die Debatte in Großbritannien.

Markus Hesselmann

LondonDer Regierungs- und der Oppositionschef waren sich in diesem Fall einig. Premierminister Gordon Brown von der Labourpartei und Herausforderer David Cameron von den Konservativen unterstützten in der vergangenen Woche beide das „Nein“ im britischen Unterhaus zu einem Verbot der Forschung mit Stammzellen, die menschliches mit tierischem Erbgut verbindet. Mit großer Mehrheit – 336 gegen 176 Stimmen – erlaubten die Abgeordneten auf diesem Wege das Erzeugen sogenannter Chimären. Die Debatte durchschnitt die politischen Lager. Der Fraktionszwang war aufgehoben worden, um eine offene Abstimmung zu ermöglichen. So konnten sich Abgeordnete mit Bedenken gegen diese Forschung – unter ihnen die katholische Labourministerin Ruth Kelly – ohne Rücksicht auf politische Loyalitäten positionieren.

Das Magazin „Economist“ lobte Brown für das „free vote“. Nach einer „Kampagne katholischer Bischöfe“ für das Verbot habe Brown sich dafür entschieden und sei sogar kritisiert worden, mit der Aufhebung des Fraktionszwangs „speziellen Interessen“ nachzugeben. „Nachdem er mit seinen Hauptanliegen durchkam, wirkt diese Entscheidung klug.“ Das Votum sei „endlich eine gute Nachricht“ für den nach Wahlniederlagen und schlechten Umfrageergebnissen angeschlagenen Premier. Der sachliche Ton dieser Analyse spiegelt den Umgang der britischen Medien mit dem Thema.

Wichtiger als Chimären war den Reportern und Kommentatoren vergangene Woche ohnehin eine weitere Abstimmung im Parlament: Die Abgeordneten lehnten einen Antrag ab, die erlaubte Frist für einen Schwangerschaftsabbruch von 24 auf 20 Wochen zu reduzieren. Im Gegensatz zu den Stammzellendebatten sei dieses Thema für die breite Masse „klar verständlich und schmerzhaft vertraut“, schrieb der „Economist“.

Das heißt nicht, dass Bedenken gegen die Chimärenforschung keinen Platz in den Medien hätten. „Nicht ansatzweise genug Zeit wurde für eine Diskussion dieses Themas aufgewandt“, schrieben Kardinäle in einer gemeinsamen Veröffentlichung. „Solche Fragen benötigen Antworten vor und nicht nach der Gesetzgebung.“ Andere sich entwickelnde Technologien hätten das „Potenzial zum Guten, ohne menschliche Embryonen zu schaffen und zu zerstören“. Zudem fordert die katholische Kirche die Einsetzung einer Bioethik-Kommission.

Brown selbst aber muss sich über religiöse Ethik nichts sagen lassen. Er stammt aus einer Pfarrersfamilie und zählt den Theologen Dietrich Bonhoeffer zu seinen Vorbildern. In seinem Buch „Courage. Eight Portraits“ hat Brown dem deutschen Protestanten ein Kapitel gewidmet. Der Premierminister und der Oppositionschef sind auch aus persönlichen Gründen für die Weiterentwicklung der Stammzellenforschung. Browns Sohn Fraser leidet an Mukoviszidose, Camerons Sohn Ivan an Epilepsie und zerebraler Lähmung.

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