Stammzellenforschung : ''Wir brauchen neue Stammzellen''

Der Biologe Daniel Besser plädiert für eine Lockerung des deutschen Rechts.

Herr Besser, was erforschen Sie?



Wir untersuchen undifferenzierte humane embryonale Stammzellen. Wir wollen herausfinden, was sie pluripotent macht, wie sie es schaffen, sich unendlich oft zu teilen. Und wie sie dabei die Fähigkeit behalten, sich in viele verschiedene Gewebearten zu entwickeln.

Dazu brauchen Sie menschliche embryonale Stammzellen?

Ja, denn Stammzellen von der Maus reichen nicht aus. Da gibt es zu viele Unterschiede zum Menschen.

Heute entscheidet der Bundestag über eine Novellierung des Stammzellgesetzes. Welchen Vorschlag befürworten Sie?

Ich bin dafür, dass jeder Antrag auf Einfuhr von Stammzellen einzeln geprüft wird. Ein Stichtag, bis zu dem die Stammzell-Linien erzeugt werden dürfen, ist dagegen wie eine Wanderdüne. Dann werden wir in vier oder fünf Jahren erneut diskutieren. Die Einzelfallprüfung reicht aus, um zu gewährleisten, dass im Ausland keine Embryonen aufgrund von Forschung in Deutschland zerstört werden.

Genügen Ihnen die menschlichen Zellen, mit denen Sie jetzt arbeiten? Was würde eine Lockerung des Gesetzes bedeuten?

Wir könnten uns mit der internationalen Forschung wieder vergleichen, mit Wissenschaftlern in England, Schweden, Amerika, Israel, Singapur, Australien. Im Moment haben wir da noch keine massiven Probleme. Das kommt aber auf uns zu, weil in diesen Ländern an neueren Stammzellen geforscht wird, zu denen uns bisher der Zugang verwehrt wird.

Warum brauchen Sie neuere Stammzell-Linien? >

Zur Zeit stehen uns allenfalls zwölf oder 13 Stammzell-Linien zur Verfügung. Sie sind nach alten Verfahren bis 2002 hergestellt und genügen nicht mehr modernen Ansprüchen.

Was sind die Unterschiede zwischen den neuen und den alten Stammzellen?

Man hat die Verfahren verbessert, kann die Zellen heute sanfter und besser behandeln. Künftig wird es möglich sein, genau jene Stammzellen anzufordern, die etwa für die Entwicklung von Herzmuskelzellen besonders gut geeignet sind.

Die Gegner sagen, bisher gibt es keine einzige Studie zur Therapie mit embryonalen Stammzellen am Menschen.

Man verlangt da die Quadratur des Kreises. Auf der einen Seite heißt es: ihr dürft nicht. Auf der anderen Seite verlangt man es. Punkt Nummer zwei: Bei den Blutstammzellen hat es von den ersten Anfängen der Forschung bis zur Behandlung von Blutkrebs fast 30 Jahre gedauert. Bei den humanen embryonalen Stammzellen schon nach sechs Jahren den Einsatz am Patienten zu verlangen, ist da vielleicht etwas verfrüht.

Kritiker sagen, man sollte auf „adulte“ Stammzellen ausweichen

Man sollte das eine tun, ohne das andere zu lassen. Es kommt ganz auf die Krankheit an. Ich wüsste nicht, wie adulte Stammzellen einem Patienten mit der Parkinson-Krankheit helfen sollten. Es ist wie bei Krebs – da gibt es viele Formen, und jede Therapie fällt anders aus.

Es ist gelungen, Ratten mit Parkinson durch rückprogrammierte Zellen zu behandeln. Ist die Rückprogrammierung erwachsener Zellen zu embryonalen die Zukunft?

Die Rückprogrammierung menschlicher Zellen ist erst Monate alt. Das sind ohne Frage interessante Zellen. Aber es ist viel zu früh, um sagen zu können, ob sie eines Tages die embryonalen Stammzellen ersetzen.

Um embryonale Stammzellen zu gewinnen, müssen Embryonen zerstört werden. Was bedeutet das für Sie?

Für mich ist der Embryo ein schützenswertes Objekt, aber er hat keine Menschenwürde. Eine Eichel ist eine Eichel und keine Eiche.

Warum sprechen Sie dem frühen Embryo die Menschenwürde ab?

Aus einer befruchteten Eizelle entwickelt sich das Keimbläschen, die Blastozyste. Sie nistet sich in der Gebärmutter ein – aber nur in zehn Prozent aller Fälle! Wenn ich dem ganz frühen Embryo Menschenwürde zugestehen würde, dann würde das bedeuten, dass 90 Prozent der Menschen sterben, bevor sie herangewachsen sind, wahrgenommen oder geboren werden. Nach der antiken Vorstellung dagegen entsteht der Mensch in den ersten 30, 40 Tagen der Schwangerschaft, diese Idee hat sich in Judentum und Islam erhalten. Ich finde das viel akzeptabler. Auch am Ende des Lebens sprechen wir ja nicht erst von Tod, wenn jede Zelle eines Menschen erloschen ist. Sondern dann, wenn das Gehirn abgestorben ist. Das Menschsein ist also wesentlich auch an ein Gehirn, ein Nervensystem geknüpft, das Empfindungen verarbeitet. Bei einem Lebewesen mit einigen Dutzend Zellen ist das nicht der Fall.

Wann kann man damit rechnen, dass Menschen mit einer Therapie kuriert werden, die auf embryonalen Stammzellen beruht?

Wenn ich eine Kristallkugel hätte … Die US-Biotechnikfirma Geron hat bei der Zulassungsbehörde FDA einen Antrag gestellt. Es geht um die Therapie von Rückenmarksverletzungen. In den nächsten drei Jahren dürften die Versuche starten.

Das Gespräch führte Hartmut Wewetzer.

DANIEL BESSER (44) ist Stammzellforscher am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin. Zuvor arbeitete er an der New Yorker Rockefeller-Universität.

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